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Kunst des inneren Exils : Das Leben flieht, die Seele nicht

  • -Aktualisiert am

Ungebändigte Phantasien von Le Corbusiers Cousin: Louis Soutters kurz vor seinem Tod 1942 entstandene Fingerzeichnung mit schwarzer Tinte „Vierges du pharaon“ misst 43 mal 58 Zentimeter. Bild: Kunstmuseum Basel- Martin P. Büh

Reine Phantasie mit dem Rücken zur Welt: Manche Künstler und Schriftsteller schufen im erzwungenen Exil und in Kopfreisen ihre tiefsten Werke.

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          Künstler schufen nicht selten ihre interessantesten und phantasievollsten Werke in Krisenzeiten, wenn sie Kriegen, Krankheit, Verfolgung oder dem Exil ausgesetzt waren und mit Hilfe der Phantasie der Enge des Raumes oder der Strafe zu entkommen suchten.

          Ein Beispiel dafür sind die Kopfreisen, wie sie der Maler und Schriftsteller Xavier de Maistre (1763 bis 1852) während eines zweiundvierzigtägigen Arrests mit seinem ersten Roman „Voyage autour de ma chambre“ („Die Reise um mein Zimmer“) unternahm. Eine Reise ohne Beschwernisse, ohne Gefahren, ohne Gepäck. Das im Arrest geschriebene Buch erschien 1795 anonym in Lausanne. Dreißig Jahre später publizierte Maistre seine zweite „Expédition nocturne autour de ma chambre“, eine diesmal nächtliche Reise um sein Zimmer. Sie gehören bis heute zur Weltliteratur.

          Als einsame nächtliche Schreibtisch-Reisen sind auch die von Victor Hugo im Exil auf Guernsey entstandenen Tintenklecks-Malereien zu betrachten – kleinformatige visionäre Landschaften und Architekturen, die nicht selten aus einem Meer auftauchen, das ihn schmerzhaft von Frankreich trennte.

          Wirkt wie DNS-Ketten, sind aber Kaffeekleckse und Phantasiereisen ins Innere: Victor Hugos „Spitzen und Gespenster“, 1855/56.
          Wirkt wie DNS-Ketten, sind aber Kaffeekleckse und Phantasiereisen ins Innere: Victor Hugos „Spitzen und Gespenster“, 1855/56. : Bild: Archiv

          Nächtliche Reisen ins Innere

          Von einer Reise ins Innere der Malerei berichtete Sigmar Polke, als er 1994 in Den Haag den Erasmus-Preis entgegennahm. Er bedankte sich nicht mit einer kurzen Rede, sondern überraschte die Hörer mit einer auswendig vorgetragenen Erzählung von Marguerite Yourcenar, die einer chinesischen Künstlerparabel galt. Polke zwang die geladenen Gäste zum Stillsitzen und Zuhören. Das fiel etlichen nicht leicht. Unruhe machte sich breit, aber Polke ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

          Bei der Erzählung ging es um die Macht der Phantasie. Die Geschichte behandelt die wundersame Begebenheit des chinesischen Malers Wang Fu, der sich durch den Zauber seiner Malerei der Folter entzog. Vor den Augen des chinesischen Kaisers und seiner Hofgesellschaft musste er ein von ihm als „unvollendet“ geltendes Bild vollenden. Von diesem Augenblick an übernahm die Malerei die Herrschaft über die Realität und der Künstler die Macht über den Kaiser. Je mehr er die Dinge auf dem Bild verdeutlichte, verwandelte sich unter den Pinselstrichen die Darstellung der Innenschau in Realität. Das Meer war nicht mehr nur auf dem Bild. Es überflutete die Hofgesellschaft und drohte sie zu ertränken. In diesem Augenblick bestieg WangFu sein durch die Fluten in Bewegung geratenes gemaltes Boot und entschwand in dem blassblauen Jade-Meer, das er in seiner Phantasie gerade erschaffen hatte. Er verschwand in seinem Bild. Sigmar Polke hat diese Parabel über die Macht der Phantasie natürlich auch in seiner Malerei bildhaft verarbeitet.

          Auf den Schwingen der Phantasie

          Mit einer Performance, im eigenen Bild zu verschwinden, in diesem Fall in einer vor Publikum entstandenen großformatigen Zeichnung, verabschiedete sich vor einigen Jahren auch Günter Brus von der Öffentlichkeit. Der Schriftsteller Octavio Paz griff für die ihm wichtige Freisetzung der Imagination zu einer Fluchtmetapher, dem Verschließen aller Ausgänge. „Es gibt kein Entrinnen, außer durch das Dach: die Imagination. Die Inspiration manifestiert sich oder vergegenwärtigt sich in Bildern. Durch die Inspiration imaginieren wir. Und indem wir imaginieren, lösen wir Subjekt und Objekt auf, lösen uns selbst auf.“ Mit anderen Worten: Der Künstler wird eins mit seinem Werk.

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