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Museen und Cancel Culture : Die Ängstlichkeit der Museen

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Wie wäre es, böse zu sein? Philip Gustons „Riding around“ – hier in Hamburg zu sehen – ist eins seiner Bilder, die Ku-Klux-Klan-Zipfelmützen zeigen. Bild: Picture-Alliance

Die Vorsicht der Institutionen erreicht einen neuen Höhepunkt: Jetzt wurde eine Ausstellung Philip Gustons in Washington verschoben – wegen der #BlackLivesMatter-Bewegung. Über ein alarmierendes Missverständnis.

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          Wie aufmerksame Leser der Website der National Gallery in Washington am Freitag entdeckten, ist eine lange geplante Retrospektive des Werks Philip Gustons, die von dort in die Londoner Tate und die Kunstmuseen von Boston und Houston weiterreisen sollte, von Juli 2021 auf 2024 verschoben. Man denke, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung, „dass dann die machtvolle Botschaft sozialer und Rassengerechtigkeit, die im Kern von Philip Gustons Werk steckt, deutlicher interpretiert werden kann“.

          Damit erreicht die Vorsicht von Kunstinstitutionen gegenüber erwarteten Vorwürfen symbolischer Gewalt ein neues Ausmaß: Sie trifft nicht nur einen der herausragendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, sondern auch ein nicht wegdenkbares Beispiel für das Durcharbeiten persönlicher und gesellschaftlicher Traumata angesichts rassistischer Gewalt. In den Bildern Gustons (1913 – 1980), der den Abstrakten Expressionismus hinter sich ließ und mit cartoonesken Formen albtraumhaft aufgeladene Szenen schuf, tauchen wiederholt Figuren mit Mützen auf, die an den Ku-Klux-Klan erinnern. Sie stehen angesichts der „Black Lives Matter“-Bewegung im Mittelpunkt der Sorgen.

          „Ich sehe mich selbst unter der Mütze“, sagte Philip Guston

          Dabei ist an diesen Bildern bemerkenswert, wie sie sich von anderen Werken unterscheiden, denen in den letzten Jahren die Verwertung von Gewalterfahrungen anderer vorgeworfen wurde, wie Dana Schutz’ „Open Casket“ oder Sam Durants „Scaffold“: Hier nutzte kein Künstler sogenannte Privilegien, um Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit zu erheben, die ihm keine Mühe machen. Hier arbeitete jemand gesellschaftliche Herausforderungen an der eigenen Person durch – mit dem Ergebnis, dass dem Betrachter keine klare Position gegenüber dem Bösen geboten wird, sondern er auch selbst von Dilemmata in Haftung genommen ist, auf eine Weise, wie es so nur mit gemalten Bildern möglich ist. „Ich sehe mich selbst unter der Mütze“, sagte Guston. „Ich habe mir fast vorgestellt, wie es wäre, mit dem Klan zu leben. Wie wäre es, böse zu sein?“

          Der Kunstkritiker Robert Storr, der gerade eine Guston-Biographie veröffentlicht hat, spricht gegenüber „Artnet News“ von „Feigheit der Museen“: „Jetzt, wo die wiederauflebenden Kräfte des Nativismus und der Bigotterie unmittelbar das Gewebe der amerikanischen Gesellschaft bedrohen, ist der richtige Moment, um Gustons Werk neu zu betrachten.“ Und Tate-Kurator Mark Godfrey merkt an, die Entscheidung sei „extrem bevormundend gegenüber Betrachtern, denen unterstellt wird, sie seien nicht in der Lage, die Nuancen und den politischen Gehalt von Gustons Werk zu würdigen“.

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