https://www.faz.net/-gqz-9mg

Warum nicht ins Schloss? : Ein Kulturschatz verdämmert in Berlin

Vor dem Zweiten Weltkrieg residierte das Berliner Kunstgewerbemuseum zwanzig Jahre lang im Schloss der Hohenzollern. Warum sollte es dort nach dem Wiederaufbau nicht wieder einziehen. Das Konzept des Humboldt-Forums muss ohnehin revidiert werden.

          6 Min.

          Nun darf wieder gehofft werden. Die Ankündigung eines Staatssekretärs aus dem Bundesbauministerium, der Bau des Berliner Schlosses werde „wohl“ doch in dieser Legislaturperiode beginnen, brachte das Projekt vergangene Woche wieder einmal in die Schlagzeilen. Auch die Stülerkuppel von 1854, die der Vertreter des Ministers fälschlich zur „Barockkuppel“ machte, ist wieder im Gespräch, allerdings nur als Spielwiese für Spender und Sponsoren, auf deren Gaben man „zuversichtlich“ rechnet. Mit anderen Worten: Genaues weiß keiner, aber viele halten ihren Finger in den Wind und warten, dass der sich dreht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Anfang Juni vom Kabinett gefassten Sparbeschlüsse, nach denen sich der Baubeginn auf 2014 verschiebt, gelten aber nach wie vor, auch wenn der Bundestag sie noch nicht verabschiedet hat. So fragt sich, welche Budgetkonstruktion den ersten Spatenstich im Jahr 2013 ermöglichen soll. Gesucht wird, scheint es, eine Sprachregelung, die den festen Willen der Bundesregierung, am Schloss zu sparen und es gleichzeitig zu bauen, in flüssige rhetorische Formen kleidet.

          Abgüsse reden mit Abgüssen

          Der Bundesbaustaatssekretär sprach zur Eröffnung einer Ausstellung im Kronprinzenpalais, mit der die „Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum“ dem Publikum der Hauptstadt das Konzept des postmodernen Völkerkundemuseums (das so nicht heißen darf) hinter den Barockfassaden näherbringen will. So betrachtet man in einer Vitrine den Abguss eines Buddha-Reliefs der hellenistischen Gandhara-Kultur und liest dazu, seit ihrer Wiederentdeckung hätten die auf dem heutigen Staatsgebiet Pakistans gefundenen Bildwerke aus Gandhara „westliche Betrachter“ durch ihren „mittelmeerisch-antiken Touch“ fasziniert: „Die spätere Ausstellungspräsentation im Humboldtforum wird diesen Dialog der Weltkulturen durch Gegenüberstellung von Kunstwerken direkt erlebbar machen.“

          Werden im Schloss also Abgüsse mit Abgüssen reden, bewacht von Fotos klassischer Archäologen? Vielleicht holt ja die Antikensammlung der Staatlichen Museen Stücke aus ihrem Magazin, damit der heutige westliche Betrachter das griechische Vorbild im Faltenwurf des Buddhas erkennt.

          Stichworte für Festredner

          Auf denselben festrednerischen Ton ist der Informationstext zu zwei hölzernen Wappenpfahlmodellen der Haida-Indianer auf den Queen-Charlotte-Inseln vor der kanadischen Ostküste gestimmt: „Heute besinnen sich an vielen Orten der Welt Angehörige der ursprünglich dort angesiedelten Kulturvölker ihrer künstlerischen und kulturhistorischen Wurzeln ... Es wird eine der spannenden und herausfordernden Aufgaben der neuen Präsentation der ethnologischen Sammlung werden, dem Dialog mit diesen Communities im Humboldtforum einen inspirierenden und in die Zukunft weisenden Ort zu geben.“

          Ein sozialistischer Kulturvolkstumsbeauftragter der siebziger Jahre hätte es nicht pompöser formulieren können. Man fragt sich, wem die Kuratoren des geplanten Museums hier den Spaß verderben wollen: den kleinen Jungen, die noch vom Indianerdasein träumen? Dem Spender aus Bayern, der im Kronprinzenpalais nachschauen will, ob er die dreitausend Euro für ein Stück der Schlüterfassade richtig angelegt hat? Oder den Abgeordneten im Kulturausschuss, die unermüdlich vom „Ort der Weltkulturen auf dem Schlossplatz“ schwärmen, als genügte das Aufsagen dieser Beschwörungsformel, um die Sache selbst irgendwann wie Manna vom Himmel regnen zu lassen?

          Denkmal oder Mahnmal?

          Offensichtlich denken weder die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Hauptnutzer noch die Kulturpolitiker des Bundes und der Stadt Berlin daran, die fällige Konsequenz aus der Verschiebung des Schlossbaus zu ziehen und die Leitidee zur musealen Gestaltung dieses Denkmals – oder Mahnmals? – der Bundeskulturpolitik unvoreingenommen zur Debatte zu stellen. Das Konzept des Humboldt-Forums, heißt es nun wieder, sei nicht genügend „kommuniziert“ worden.

          Weitere Themen

          Eine Frage der Tonbänder

          Kohl-Biograph : Eine Frage der Tonbänder

          Heribert Schwan, einst Ghostwriter von Helmut Kohl, rückt die Tonbänder mit den Gesprächen der beiden nicht heraus. Vor dem Bundesverfassungsgericht will er sich auf die Pressefreiheit berufen.

          Topmeldungen

           Visualisierung des Tunneleingangs auf der dänischen Seite in Rodbyhavn

          Streit um die Ostseequerung : Der Bau im Belt

          Unter der Ostsee soll ein langer Tunnel Deutschland und Dänemark verbinden. Der Widerstand ist heftig – aber nur in Deutschland. Ein Ortsbesuch.
          Paul Rusesabagina vor Gericht in Ruandas Hauptstadt Kigali am 14. September

          „Hotel Ruanda“-Star entführt : In der Höhle des Löwen

          Während des Völkermords in Ruanda rettete er Tutsi das Leben. Nun ließ Präsident Kagame den einstigen Helden Paul Rusesabagina entführen. Seinen Prozess will die Juristin Amal Clooney beobachten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.