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Laure Prouvost bespielt den französischen Biennale-Pavillon in Antwerpen. Bild: Antonio Olmos /eyevine/laif

Künstlerin Laure Prouvost : „Wir werden dir allerhand Lügen erzählen“

  • -Aktualisiert am

Ihre Kunst zielt in Hirnregionen, von denen wir noch gar nichts wussten: Laure Prouvost ist eine große Verführerin. Jetzt bespielt sie den französischen Biennale-Pavillon.

          Seit einiger Zeit sieht es so aus, als genössen das Unterbewusste des Menschen, die Unwägbarkeiten der menschlichen Seele also, keinen besonders guten Ruf mehr im allgemeinen Diskurs. Schwer unter Kontrolle zu haltende Triebe, vergrabene, verdrängte Leidenschaften und ähnliche Irrationalitäten, die das Individuum immer wieder gegen besseres Wissen zu privaten wie gesellschaftlichen Dummheiten verleiten, stehen in hartem Gegensatz zu dem Wunsch, die Dinge rational zu regeln, sie zu vereindeutigen, messbar zu machen, wahr und unwahr klar voneinander scheiden zu können.

          Wo vermehrt Eindeutigkeit herzustellen verlangt wird, sagen wir, in Fragen der politischen Positionierung, im Verhältnis der Geschlechter zueinander, in Fragen des Klimaschutzes, in der digitalen Selbstoptimierung, aber auch – ganz konkret – in der Aushandlung, wo geraucht werden darf und wo nicht, da erscheint es fast heikel, erkundigte man sich danach, was denn den Menschen sonst noch so antreiben könnte, was er heimlich fürchtet oder herbeisehnt, warum er weiterhin gerne Auto fährt und so schnell in Rage gerät, aber auch, was ihn vielleicht an sich selbst irre werden lässt und was das für uns alle bedeuten könnte. Wer beispielsweise nach den Gründen für schlechten Schlaf nur die Tracking-App befragt, findet darin konkrete Zahlen, kaum aber die Träume und Albträume, die ihn tatsächlich in Unruhe hielten.

          Eine mögliche Antwort auf die Frage, wohin denn das Freudsche Erbe entschwunden ist, ob es denn gar keine Rolle mehr spielt dafür, wie wir miteinander in Kontakt treten und über die Welt sprechen, findet man in den Arbeiten der Französin Laure Prouvost. In ihrer nicht selten dadaistischen, häufiger noch surrealistischen Kunst, also vor allem in ihren hypnotisierenden Videoarbeiten und in den daraus in den Raum wachsenden Installationen, in ihren Skulpturen und Readymades, mit denen sie auf der in zwei Wochen eröffnenden Venedig-Biennale den französischen Pavillon bespielen wird, begegnet man mit ungemeiner Wucht jenen Traumgeleiteten, jenem Unterbewussten, Absurden, Mehrdeutigen, das sich andernorts so rar gemacht hat.

          Kleinteilige Pointen und Absonderlichkeiten

          Man kann diese Kunst derzeit in ihrer bis dato größten überblicksartigen Einzelausstellung im Museum für Gegenwartskunst in Antwerpen (M HKA) erleben, deren Titel „AM-BIG-YOU-US LEGSICON“ man laut lesen muss. 2019 dürfte ein entscheidendes Jahr werden für die 41-Jährige, die ihre Heimat nahe der belgischen Grenze bei Lille früh verließ, um in London Film zu studieren, wo man ihr 2013 den Turner-Preis verlieh.

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          Betritt man das Museum, ist man zunächst erschlagen von den vielen Dingen und ihrer Unordnung. Man kann sich kaum retten vor kleinteiligen Pointen und Absonderlichkeiten, vor gegen die Wand oder auf den Boden gedrehten, also ins Nichts sendenden Monitoren, muss sich erst einmal seinen Weg bahnen durch die überall herumstehenden Irritationsangebote. Man weiß kaum zu sagen, wo die eine Arbeit beginnt und die andere endet, und so steht da einfach ein Kaktus auf einem Podest, und dazu heißt es auf einem Schild, dieser sei an einem 3. Januar von einem uns unbekannten „Jan“ als Zahnbürste benutzt worden; oder es liegt da ein Haufen zermatschter roher Eier, und eine Schrifttafel erklärt, Großmutter habe sich gestern Abend aus Versehen darauf gesetzt. Manchmal hängen auch nur Schilder herum, beispielsweise auf Schienbeinhöhe steht da: „IDEALLY HERE WOULD BE A HUGE PLUG“, und auf mehr Steckdosen zum Laden von Handy-Akkus können sich vermutlich alle einigen. Wieder ein andermal ist da ein einsames, zu zwei Dritteln mit Wasser gefülltes Glas auf einem Sockel, und es heißt „This glass contains water from a place no one’s ever been“.

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