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Occupy Bonn : Ein Verein erobert den Stadtraum

Die Wut über den verlorenen Groschen soll kein Bonner Bürger vor diesem Werk artikulieren: Der „Beethoven“ von Markus Lüpertz ist eines der sogenannten Geschenke des Vereins Stiftung für Kunst und Kultur. Bild: Imago

So etwas nimmt man in Bonn geschenkt: Auf den Plätzen der alten Bundeshauptstadt tauchen immer mehr sehr auffällige Skulpturen sehr bekannter Künstler auf. Dahinter steckt der Kulturmanager Walter Smerling.

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          Im Jahr 2014 ging es los. War Bonn mit Denkmälern von Ludwig van Beethoven nicht reichlich eingedeckt? Der Komponist steht auf dem Münsterplatz, sitzt in der Rheinaue und blickt vor der Beethovenhalle in deren ungewisse Zukunft. Trotzdem wurde am Alten Zoll, in bester Rheinlage nahe der Universität, der doppelköpfige „Beethoven“ von Markus Lüpertz enthüllt. Dass auch ein Lüpertz-Denkmal in Bonn nichts Neues war, weil der Meister sich vor dem Post-Tower mit seinem „Mercurius“ hatte verewigen dürfen, wird in den Augen der Auftraggeber ein Argument für den Auftrag gewesen sein. Nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          So begann das „Kunstprojekt Bonn“. In der Folgezeit durften weitere Erfolgsbildhauer Skulpturen auf öffentlichen Plätzen aufstellen: Tony Cragg, Bernar Venet, Stephan Balkenhol. Der fünfte Streich ist beschlossene Sache: An der Ecke Am Hof/Am Neutor, zwischen Universität und Münster, wird eine Witzfigur von Erwin Wurm festgeschraubt, „Walking Bag“, eine Handtasche auf Stelzen, vier Meter hoch, orange.

          Das „Kunstprojekt Bonn“ ist kein Projekt der Stadt Bonn. Wie kam es dazu, dass die sehr auffälligen Kunstwerke an prominenten Orten plaziert werden konnten? Walter Smerling, der Vorsitzende des Vereins, der das Projekt erdacht hat, steuert und finanziert, erklärte es jetzt bei einer Podiumsdiskussion zur Frage „Was darf die Kunst im öffentlichen Raum?“ so: „Wir haben Vorschläge unterbreitet.“ Man darf ergänzen: Vorschläge, welche die Stadt nicht ablehnen konnte.

          Ein Verein mit Namen Stiftung

          Der 1986 von Smerling in Bonn gegründete Verein mit dem Namen Stiftung für Kunst und Kultur arbeitete in den Anfangsjahren eng mit dem Bonner Kunstmuseum zusammen und betreibt seit 1999 das Museum Küppersmühle in Duisburg, als dessen Direktor Smerling firmiert. Die Werke von Lüpertz und Kollegen sollen ein „urbanes Museum“ ergeben. Bis 2030 plant der Verein ein neues Werk pro Jahr. Die Auswahl nicht nur der Künstler, sondern auch der Aufstellungsorte behält er sich vor.

          Bei der Diskussion im Contra-Kreis-Theater, einem fensterlosen Kellertheater, vor dessen Tür Wurms Taschenspielerei stehen wird, gab ein Zuhörer zu bedenken, dass Kunst auch öffentlichen Raum nimmt: Für Craggs sechs Meter hohe Skulptur „Mean Average“ auf dem Remigiusplatz musste ein Brunnen weichen. Es spricht viel dafür, dass Smerling sein Projekt der Okkupation des Stadtraums durch den privaten Geschmack wie geplant wird durchziehen können. Durch professionelle Bearbeitung der Öffentlichkeit hat er die Stadtverwaltung in eine Defensive manövriert, aus der sie nur schwer wieder herausfinden wird.

          Smerling wies den Vorwurf zurück, der Verein wolle etwas diktieren. Man habe doch bloß Vorschläge gemacht, welche die zuständigen Gremien angenommen hätten. Doch als die städtische Kunstkommission im März 2017 um die Einreichung eines Modells von Balkenhols „Hommage an August Macke“ bat, sah Smerling schon dadurch „den gesamten Prozess infrage gestellt“. Die Macke-Figur steht heute im Hofgarten. Den im vergangenen Jahr vom Stadtrat gefassten Beschluss, einen Katalog geeigneter Orte zu erarbeiten, bewertete Smerling als Misstrauensvotum gegen die Künstler.

          Den Segen der Kirche hat Smerling

          In diesem Sinne nannte es Balkenhol auf dem Podium „schlecht, wenn das Wort Kriterien aufkommt“. Auch andere Redner wie der katholische Stadtdechant Wolfgang Picken unterstützten Smerlings Linie, die von seinem Verein beanspruchte, umfassende Dispositionsfreiheit als Ausfluss der Kunstfreiheit zu rechtfertigen. Dass Stephan Berg, der Direktor des Kunstmuseums, für den Übergang zu einem Wettbewerbsverfahren mit Jury plädierte, trug ihm den Vorwurf der Gängelung der „Zivilgesellschaft“ ein.

          Birgit Schneider-Bönninger, die seit einem Jahr amtierende Kulturdezernentin, sprach sich für ein „duales System“ öffentlicher und privater Aufträge aus und beschwor die städtische Handlungsmacht in defensiven Wendungen: „Wir haben die Stiftung mit ihren Visionen, aber wir sind ja auch die Stadt.“ Bei der Aufstellung der Skulptur von Cragg sagte der damalige Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch: „Herr Smerling, wir haben in Bonn noch weitere Plätze.“ Der damit ausgesprochenen Einladung ist der Angesprochene gefolgt.

          In jeder Bewilligungsrunde des „Kunstprojekts“ lautete das entscheidende Argument, dass Bonn die Kunst geschenkt bekomme. Dabei handelt es sich gar nicht um Geschenke, sondern um „Leihgaben“ für zehn Jahre – obwohl der Verein behauptet, dass Jahr für Jahr „ein bleibendes Werk“ entsteht. Der Verein kann die Arbeiten am „urbanen Museum“ jederzeit einstellen und wird dann der Stadt die Schuld an der neuen Investitionsruine geben. Je näher das Jahr 2024 kommt, desto weniger wird es des Hinweises bedürfen, dass Leihgaben auch wieder abgezogen werden können.

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