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Walker Evans in Bottrop : Die Poesie im Tarnkleid alltäglicher Prosa

Kunst war für Walker Evans alles, was er der Welt entnahm: seine Fotografien – aber auch die Blechschilder, die er auf Reisen gestohlen hat. Eine großartige Ausstellung in Bottrop zeigt beides.

          Walker Evans geht immer! Seit der Präsentation seiner Fotografien auf der Documenta 1977 ist er auch im europäischen Ausstellungsbetrieb fest verankert. Zuletzt waren seine Schwarzweißaufnahmen in Venedig zu sehen. Im Zentralen Pavillon der Biennale teilten sie sich bis vor wenigen Wochen einen großen Saal mit Arbeiten von Isa Genzken. Dem hochtrabenden Biennale-Titel „All the World’s Futures“ wurden deren vorausschauende Architekturmodelle freilich eher gerecht als Evans’ berühmte Dokumentation des armseligen Lebens dreier Farmerfamilien in Alabama während der Zeit der Großen Depression. Denn die Zukunft hatte Walker Evans immer nur insofern interessiert, als er nach Motiven suchte, die als Illustrationen für künftige Geschichtsbücher taugten. Was er fotografierte, war die Gegenwart als künftige Vergangenheit. An der Wand in Venedig hingen lauter Meisterwerke.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Ein soziales Anliegen hingegen lässt sich in diesen Bildern kaum nachweisen. Es schimmert keine Utopie gesellschaftspolitischer Veränderungen hindurch. Nicht einmal die Lebensumstände der Ärmsten unter der amerikanischen Landbevölkerung weckten in Evans ein Bedürfnis, mit seinen Fotografien radikale Sozialkritik zu üben. Zumindest keine vordergründige. Er war Ästhet, womöglich der größte in der Geschichte des Mediums, suchte nach Schönheit, fand sie überall – und wenn es sich einrichten ließ, dann nahm er sie nicht nur als Bild mit nach Hause, sondern packte sie nach der Aufnahme in den Kofferraum seines Wagens. Ein ums andere Mal schraubte er die Emaille- und Blechtafeln mit Werbung für Limonade oder Automobile ab, die so beherrschend sind in seinen raffinierten Kompositionen von Läden, Tankstellen und Dorfstraßen und die in seinen Bildern überzeugend die Schichten der Geschichte versinnbildlichen – und hängte sie in sein Wohnzimmer.

          „Tiefenschärfe“ heißt eine Ausstellung im Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop. Ins Zentrum der Präsentation stellt sie ebenjenes Diebesgut. Ein riesiger Saal voller Pop-Art, so will es scheinen – auch wenn es den Begriff in Evans’ Tagen noch gar nicht gegeben hat. Umso mehr bestätigt der Raum die beiden hervorstechenden Charakterzüge: seinen Schönheitssinn und seine Gier, ein Begriff, den er nicht zuletzt in Bezug auf seinen Blick durchaus selbst verwendet hat. Mit fast dreihundert Abzügen illustriert die großartige Ausstellung sehr überzeugend auch dieses Verlangen. Dabei rollt sie Raum für Raum sein Gesamtwerk auf, von den Serien der Selbstporträts aus Jugendtagen über seine Bild-Essays für die Zeitschrift „Fortune“, bei der er zwanzig Jahre lang als Fotograf angestellt war, bis zu Polaroids aus den Siebzigern. Ausgerechnet den ikonischen Bildern aus dem Umfeld der Südstaatenfarmer widmen die Kuratoren Hans Liesbrock, John T. Hill und Brett Abbott den geringsten Platz – wodurch sie gleichsam en passant den Nachweis liefern, dass Evans auch ohne diese Aufnahmen einen oberen Rang in der Fotografiegeschichte eingenommen hätte.

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