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Vorblick Biennale : Utopien in der Lagune

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Unser Mann für die Kunst: Der britische Künstler Liam Gillick vertritt Deutschland auf der Biennale in Venedig, einem der wichtigsten Kulturereignisse des Jahres 2009. Schon jetzt verrät er, was er vorhat.

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          Lange wurde spekuliert, was der britische Künstler Liam Gillick, der – was ungewöhnlich ist – als Ausländer Deutschland auf der kommenden Kunstbiennale im Juni in Venedig vertritt, dort zeigen wird. Jetzt ist es bekannt. Gillick will ein Versäumnis nachholen und setzt sich mit der jüngeren Geschichte des Deutschen Pavillons, den er auf Einladung des Kurators Nicolaus Schafhausen bespielt, so intensiv auseinander wie kaum jemand sonst. Und er geht völlig anders vor als Hans Haacke, der bei seinem Biennale-Beitrag „Germania“ im Jahr 1993 den Fußboden im zentralen Raum zerschlug, eine große Hitler-Fotografie zeigte und eine riesige Eine-Deutsche-Mark-Münze über dem Eingang befestigte, dort wo einst der Reichsadler samt Hakenkreuz hing.

          Liam Gillick beschäftigte sich zunächst mit der Frage, warum bei den Renovierungen des Deutschen Pavillons in der Nachkriegszeit und den Jahren danach nie jemand auf die Idee gekommen war, dieses für die Architektur des Nationalsozialismus so charakteristische Gebäude durch einen Neubau zu ersetzen. Im Lauf seiner gründlichen Recherchen wurde er schließlich bei Arnold Bode (1900 bis 1977) fündig, dem Gründer der Documenta.

          Die unüberwindliche Aggression

          Es war Bode, der 1958 beim Auswärtigen Amt seinen ersten Vorentwurf für eine neue Gestaltung des Deutschen Pavillons vorlegte und dies mit klaren Worten begründete: „Mit seiner kalten, antihumanen ,Repräsentation‘ erweckt dieser typische Epigonenbau des Nazisystems die unüberwindliche Aggression des Besuchers“, schrieb er damals. „Sein maßstabsloser und außerdem für den Zweck unpraktischer und verfehlter Innenraum bedrückt den Besucher und erniedrigt die ausgestellten Werke. Er widerspricht aller Humanitas, die die Bundesrepublik mit den gezeigten Werken beweisen will.“

          Bode plädierte bewusst für die bescheidene Lösung eines Umbaus, bei dem der Portikus zu einem Innenraum werden und die Säulen zugemauert werden sollten. „Die Fassade ist asymmetrisch aufgeteilt. Das ganze Gebäude ist ringsum mit einer halbsteinstarken, weiß gekalkten Backsteinwand verblendet“, heißt es in der Baubeschreibung – Arnold Bode hatte also einen klassischen Fünfziger-Jahre-Bau, eine Architektur der Bescheidenheit im Sinn. Und Gillick möchte nun den Pavillon in der von Bode geplanten, aber nie realisierten neuen Gestalt als Modell herstellen lassen und als Edition vertreiben – und vielleicht, aber das ist nur eine Vermutung, wenn die Gelder reichen, auch Bodes Vision realisieren.

          Als die Nationalsozialisten im Jahr 1938 nach Biennale-Besuchen von Hitler und Goebbels den Deutschen Pavillon gründlich umbauten, verwirklichten sie das Ziel einer pathetischen Selbstinszenierung des Regimes sehr wirkungsvoll. Damit verschwand der so harmonische wie reizvolle Deutsche Pavillon, der 1912 mit einem hübschen antikisierenden Fries versehen war, für immer. Und die zierlichen Säulen mit den ionischen Kapitellen, die auch schon den Vorgängerbau von 1909 geziert haben, wurden seinerzeit durch gewaltige rechteckige Pfeiler ersetzt, auf denen ein giebelloser Architrav ruht. Man muss sich nur die alten Fotografien aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg anschauen, um den Unterschied zwischen diesen Bauten und der Protzarchitektur von 1938 zu erkennen. Erstaunlich ist es jedenfalls, dass gerade ein britischer Künstler unseren Blick für den Deutschen Pavillon schärft, der immerhin von außen durch einen Anstrich in Schönbrunner Gelb etwas freundlicher wirkt. Vielleicht werden wir ja von Gillick in Venedig noch mehr zu diesem Thema erfahren.

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