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Vivienne Westwood wird 80 : Damals wäre sie Madame Pompadour gewesen

Vivienne Westwood posiert für Fotografen während ihrer Präsentation auf der Londoner Fashion Week im Februar 2020. Bild: Reuters

Mit ihren opulenten Kreationen hat sie den Punk begründet und führt ihn bis heute fort. Der genialen britischen Modeschöpferin Vivienne Westwood zum achtzigsten Geburtstag.

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          Wilder ging es nicht, frivoler auch nicht, und chaotischer und opulenter geht es bis heute nicht. Es begann mit Secondhand-Klamotten der Fünfziger; es folgten Sadomaso-Outfits in Latex und schwarzem Leder, Bondage-Modelle, zusammengehalten von Sicherheitsnadeln, ruinierte T-Shirts mit lettristischen Aufdrucken wie „TFTLTYTD“ (längst Kanon: Too Fast to Live Too Young to Die) oder anderem Irrwitz wie dem „Piss Marilyn“-Hemd, zeitgleich mit Warhols „Oxidation Paintings“ (ein Exemplar vom Metropolitan Museum in New York bewahrt). Daraus entstieg der Punk.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Vivienne Westwood hat auch den bösen Buben der Sex Pistols die Berufskleidung geschneidert. Gut ein Jahrzehnt später kamen die irre hohen Plateausohlen (von denen herab das Starmodel Naomi Campbell auf dem Laufsteg stürzte). Es folgten „Rocking Horse“-Ankleboots, getragen zum Mini-Crini-Rock (der Schrumpfform der Krinoline), oder transparente Feigenblatt-Leggings (für Frau wie Mann); endlich diese atemnehmenden Korsetts mit aufgedruckten galanten Szenen von François Boucher oder Jean-Honoré Fragonard. Zu erwähnen sind noch das Patent auf ein eigenes Schottenkaro – und diese wundervollen Kleider und Roben für Frauen (und für Männer), aus prächtigen, schillernd fließenden Stoffen zusammengenäht.

          In der 2014 erschienenen Autobiographie, die Vivienne Westwood zusammen mit Ian Kelly verfasst hat, steht: „Etwas ganz Wichtiges über mich sollte man gleich zu Beginn erfahren: Ich wurde während des Zweiten Weltkriegs geboren, in einer Zeit des Mangels, der Rationierung. Da es kaum etwas zu kaufen gab, wurde die Kleidung von Hand gestrickt, es gab sogar Strickmuster für Hochzeitskleider. Es wurde tagelang gestrickt. Auch sonst machten wir viel selbst, sammelten zum Beispiel kleine Nussschalen, malten sie an und bastelten daraus kleine Blumensträuße. ,Do it yourself‘ hieß die Devise.“ Vielleicht liegt dort der Keim für Vivienne Westwoods sehr spezielle Inspirationen. Und alles fing nicht erst in dem Laden an, den sie mit Malcolm McLaren vor fünfzig Jahren in Londons King’s Road eröffnete und der „Let It Rock“ hieß. McLaren, der Kunststudent, der sich dann den alleinigen Erfinder des Punks nennen und Manager der Anarcho-Combo Sex Pistols sein würde, gab den Agent provocateur mit situationistisch begründeter Schock-Ambition.

          Mit Andreas Kronthaler ist Vivienne Westwood seit 1992 verheiratet. Den Österreicher hatte sie als Modestudenten an der Universität Wien kennengelernt, wo sie einen Lehrauftrag hatte. Bilderstrecke
          Vivienne Westwood wird 80 : Damals wäre sie Madame Pompadour gewesen

          Nach der Trennung von McLaren ging Westwood allein weiter. Sie, geboren 1941 als Tochter eines Schuhmachers und einer Baumwollspinnerin in der Nähe von Manchester, war ausgebildete Grundschullehrerin. Schon bisher hatte sie für ihre ungewöhnlichen Kreationen Kleidungsstücke der Fünfziger sorgfältig zerlegt, um deren Schnitte zu studieren. Das ist der Gründungsmythos der autodidaktischen Unternehmung, die sie zur Königin der Mode aufsteigen ließ. Dass sie Queen Elisabeth II. schließlich 2006 zur Dame of the Empire adelte, ist nur konsequent – wie Westwoods Markenzeichen, ein Reichsapfel, umgeben von Saturnringen.

          Der Weg zum Imperium war steinig. Die männerdominierte Modeindustrie hatte nicht gerade auf eine ziemlich verrückte Frau gewartet. Ihre erste eigene Kollektion 1981 nannte sie „Pirates“; Captain Jack Sparrow im „Fluch der Karibik“ darf sich gern für die Outfits bedanken. Ihre ungewöhnlichen Melangen, etwa aus Traditionskaros mit veritablen Fummeln, erschaffen ihr eine Gemeinde, während sie sich – und ihre Schöpfungen – immer tiefer in die Kunstgeschichte einschreibt. Wie eine Madame Pompadour führt sie 2009 in einem preziösen Spitzenkleid (mit dem AR-Button: „Active Resistance“) durch die Schätze der Londoner Wallace Collection, deren Spuren sie in ihre Stoffe webt und in ihren Korsagen Form gibt.

          Die opulenten Roben richten die Frauen ein wenig zu, in der Art von Lustgefährtinnen des Rokoko. Vielmehr aber sind sie eine offensive Verweigerung, kodierte Sexualität zu bedienen: Befreiung hin zu einem Sex, der so nicht vorgesehen ist, ein Hauch von Anarchie der Trägerinnen solch abweichlerischer Kleider. Wenn Coco Chanel den Frauen Bewegungsraum gab mit ihrer salonfähig gemachten Trikotware, und wenn Yves Saint Laurent in Le Smoking, dem Hosenanzug, ihnen die bisher Männerkörpern vorbehaltene Funktionalität schenkte, dann lässt Westwood ihnen die Wahl, sich zu kostümieren – in gnadenlos gesampelten und witzig gebrochenen historischen Zitaten, in voller Verachtung für Originalität und damit Konvention. „Der Eros der Mode besteht in der Wahl, dieses zu zeigen und jenes zu verhüllen“, das ist es wohl.

          Nie ist sie zur Renegatin ihrer selbst geworden, sie bleibt sich treu im Wandel. Bricolage, dieses aparte Wort, das genialische Weiterspinnen, passt perfekt für sie. Und was sie bis heute macht, sagt sie, ist noch immer Punk, und meint damit, „Ungerechtigkeit laut anzuprangern und die Leute zum Nachdenken zu bewegen, auch wenn es unbequem ist“. So ist sie, schon ehe es schick wurde, zum eco warrior geworden, setzt ihre Prominenz und Mode vehement als Vehikel gegen den Klimawandel und für die Rettung des Regenwalds ein. Seit den Neunzigern arbeitet sie bei Fashion und Aktivismus mit ihrem Mann Andreas Kronthaler zusammen, der bei ihr Student war, als sie an der Akademie in Wien unterrichtete. An diesem Donnerstag wird Dame Vivienne Isabel Westwood achtzig Jahre alt. Möge uns ihr großartiger Punk noch lang begleiten.

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