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Virtual Reality im Museum : Der Mönch am Pixelmeer

  • -Aktualisiert am

Virtual-Reality-Installation zu Caspar David Friedrichs Gemälde „Mönch am Meer“ in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Bild: REX

Mit einer 3-D-Show will die Alte Nationalgalerie neue Besuchergruppen für die Kunst Caspar David Friedrichs erschließen. Aber ist das dabei vermittelte Sehen nicht der falsche Ansatz?

          Es gibt Bilder, die das innere Auge so fest gespeichert hat, dass man sie vor sich sieht, wenn man nur an sie denkt. Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ gehört dazu: Wasserwüste, dunkles, nach oben sich lichtendes Gewölk mit Möwen, eine Gestalt in Seitenansicht am leeren Strand.

          Das Gemälde hängt, wie bekannt, in der Alten Nationalgalerie in Berlin, vor kurzem wurde es aufwendig restauriert. Risse, Fehlstellen und Schäden von früheren Restaurierungen wurden beseitigt, nach dem Abtragen des Firnisses fand man auf Infrarotaufnahmen Vorzeichnungen dreier Segelschiffe, die der Maler auf dem Weg zum fertigen Werk wieder getilgt hatte. Jetzt hängt der „Mönch“ wie einst an seinem Platz, klarer, reiner und ein wenig kälter als zuvor.

          Was braucht man mehr? Die Alte Nationalgalerie weiß es: eine Virtual-Reality-Installation. In dem Saal gegenüber von Menzels Leuthen-Bild, der sonst für Kabinettausstellungen genutzt wird, hängen vier 3D-Brillen von der Decke, die man sich nach vorheriger Anmeldung vom Museumspersonal aufsetzen lassen kann. Dann wird es hell im Virtuellen, und ehe man „Apple“ sagen kann, kommt von links ein Statist in Mönchskutte ins Bild.

          Ein Mann steht in der Alten Nationalgalerie in Berlin vor dem Gemälde „Mönch am Meer“.

          Eine Stimme liest Briefstellen von C. D. Friedrich über die Ohnmacht des Menschen vor dem Weltall, und auf der digitalen Höhlenwand erscheinen die skizzenhaften Schiffe, die unter der Ölmalerei liegen. Dann verschwindet der Mönchsdarsteller, und ein breiter Pinselstrich ohne Pinsel trägt in schwungvollen Kurven die Farben und Formen des vollendeten Bildes auf der Vorzeichnung auf. Rechts oben öffnet sich die Decke des virtuellen Raums, und wenn man rechtzeitig den Kopf in den Nacken legt, kann man durch die geborstenen Deckenbalken hindurch zwei Stockwerke weiter oben Friedrichs Gemälde an der Wand hängen sehen.

          Gut fünf Minuten dauert der Spaß, mit Einführung eine Viertelstunde, 64 Besucher können pro Tag durch die Installation geschleust werden. Ralph Gleis, der Direktor der Nationalgalerie, bezeichnet die von Arte und einer Berliner Filmproduktionsfirma gesponserte Bildbetrachtung als Versuchsballon: Man wolle herausfinden, ob sich auf diese Weise neue Besuchergruppen an das Gemälde heranführen ließen. Aber wenn man selbst das 3D-Headset getragen hat, fragt man sich doch, ob die experience, die hier geboten wird, nicht der totale Erfahrungsverlust ist.

          Abgesehen von der lachhaften Mönchsmaskerade hat die Berliner Installation nichts mitzuteilen, was man nicht vor dem echten Bild besser und genauer in zeitlich unbegrenzter Kontemplation wahrnehmen kann. Aber darum geht es bei der Pixelei um den „Mönch“ auch gar nicht: Es geht vielmehr darum, die Macht des technischen Apparats über genau das zu zeigen, was er eigentlich vor seinem Zugriff schützen müsste. Um Sichtungs-, nicht um Seherlebnisse. Wie einmal ein Fernsehsternchen in einem Werbespot für die Telefonauskunft erklärte: „Da werden Sie geholfen.“ Über den digitalen „Mönch am Meer“ müsste man sagen: Da werden Sie bebildert.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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