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Van Gogh in Mons : Kein Meister fällt vom Himmel

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Dass aus diesem Zeichner einmal einer der wichtigsten Maler der Welt werden sollte, konnte beim besten Willen niemand ahnen: Als Vincent van Gogh zu malen anfing, gelang ihm vieles nicht. Diese Arbeiten zeigt eine Ausstellung in der Kulturhauptstadt Mons.

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          Vincent van Goghs frühe Darstellungen wie etwa die von Bergarbeitern im Schnee wirken wie Kinderzeichnungen: Ungelenk stapfen neun Personen durch eine karstige Landschaft. Die Figuren scheinen zu stehen, mit Ausnahme einer Frau am linken Bildrand, sie sind zu einer Reihe im Profil gestaffelt, die Arme hängen schlaff herunter. Bewegung ist nicht zu erkennen, sie wird nur behauptet. Krakelige Bäumchen sollen einen Mittelgrund andeuten, und im Hintergrund verschwimmen die schneebedeckten Dächer einer Kokerei und eine Abraumhalde.

          Als Vincent van Gogh das Blatt 1880 zeichnete, war der Fünfundzwanzigjährige schon vielfach gescheitert: als Kunsthändler und Lehrer, als Theologe und Buchhändler. Freiwillig war er danach als Laienprediger ins belgische Kohlengebiet des Borinage gegangen, an der Grenze zu Frankreich, um dort auf eigene Faust weiter zu missionieren. Seine ehrgeizige Familie, aus der studierte Theologen und Lehrer, Offiziere und Kunsthändler stammen, wollte ihm den Plan ausreden. Dass van Gogh nach einem Besuch bei den Eltern trotzdem nach Belgien zurückkehrte, führte zum tiefen Zerwürfnis. Sein Bruder Theo war es schließlich, der Vincent van Gogh in Belgien an dessen frühe Leidenschaft fürs Zeichnen erinnerte. Der nahm den Rat an, griff wieder zu Papier und Stift, kaufte sich sogar einen Aquarellkasten und ein Lehrbuch: „Und eine Woche später zeichnete ich das Innere einer Küche mit Ofen, Stuhl, Tisch und Fenster auf ihren richtigen Plätzen und auf ihren Beinen, während es mir vorher schien, dass es Hexerei oder purer Zufall war, Tiefe und die richtige Perspektive in eine Zeichnung zu bekommen.“

          Der mühevolle Weg eines Autodidakten

          Für vier Monate ist van Gogh nun ins Borinage zurückgekehrt. Eine Ausstellung im Musée des Beaux-Arts in Mons beschreibt die Anfänge eines Künstlers, der sich diesen Beruf als Autodidakt erst mühevoll aneignen musste. Van Gogh war kein Genie, das vom Himmel fiel, und er wurde nicht einmal freiwillig zum Künstler – das ist die erste Erkenntnis, die sich beim Rundgang schon in den ersten Räumen einstellt, die Kurator Sjraar van Heugten klug eingerichtet hat.

          Der ehemalige Chefkustos des VanGogh-Museums in Amsterdam zeigt zunächst einmal nur jene Briefe aus dem Borinage, in denen Vincent van Gogh seine Berufswahl mit seinem Bruder diskutiert. Dann erst folgen die ersten großformatigen Zeichenversuche. Das Museum in Amsterdam und die Kröller-Müller-Stiftung in Otterlo sind die Hauptleihgeber der Ausstellung. Aus ihren Sammlungen stammen die Darstellungen der Minen im Borinage, aber auch die beiden kleinen Skizzen eines Mannes, für den van Gogh zum ersten Mal nach einem lebenden Modell zeichnete. „Ich kann deutlich sehen, dass es noch nicht gut ist“, schrieb er seinem Bruder, dem er die mit Tinte überarbeiteten Versuche schickte. „Aber es beginnt doch, sich etwas zu entwickeln.“ Ein Jahr nach den „Minenarbeitern im Schnee“ entstand ein ganz ähnliches Blatt. Diesmal sind es drei Männer, die auf Köpfen und gebeugten Rücken schwere Kohlesäcke tragen. Ihre Körper sind plastisch dargestellt, es stimmen nun Bildtiefe, Perspektive und die Komposition, die van Gogh durch einen Baum und eine Madonna am rechten Bildrand geschickt stabilisiert.

          Interpretationen Millets

          Allein die wenigen erhaltenen Frühwerke aus der Zeit im Borinage hätten eine Ausstellung nicht getragen. Aus ihnen ließen sich auch kaum kunsthistorische Erkenntnisse ableiten. Sjraar van Heugten hat deshalb das Thema der Künstlerwerdung Vincent van Goghs ausgeweitet, indem er jene Motive weiterverfolgt, die der Maler schon in frühen Jahren für sich entdeckt hat: die Arbeiter und ihr hartes Leben, die Hütten und bescheidenen Häuser, in denen sie leben, die Weber, zu denen van Gogh eigens von Belgien aus ins nordfranzösische Courrières reiste. Die Schau zeigt darüber hinaus die farbig gemalten Kopien, in denen der Autodidakt sein kurzes Künstlerleben lang vor allem die schwarzweißen Drucke von Jean-François Millet interpretiert hat.

          Durch van Goghs gesamtes, nur zehn Jahre währendes Œuvre verfolgt die Ausstellung diese Themen. Einige spektakuläre Leihgaben aus dem Spätwerk konnten dafür in die belgische Provinz geholt werden: der Sämann aus Otterlo zum Beispiel oder zwei grabende Bauern aus dem Stedelijk Museum in Amsterdam, die van Gogh schon in Belgien skizziert hatte. Auf diese Werkgruppen konzentriert, belegen die Ausstellung und der für die frühe Periode grundlegende Katalog überzeugend, wie van Gogh nach und nach seine Fähigkeiten vervollkommnet – bis hin zu jenen leuchtend rot gedeckten Hütten von 1890 im Sterbeort Auvers-sur-Oise, die das Atheneum Helsinki nach Mons ausgeliehen hat. Verschiedenen Van-Gogh-Kennern gilt das großformatige Gemälde mit dem unvollendeten Himmel als mögliches letztes Bild des Malers.

          Als Realist hat van Gogh sich von Anfang an verstanden, die Maler der Schule von Barbizon und der Haager Schule mit ihren ungeschönten Darstellungen des einfachen Menschen und seiner Lebenswelt als Vorbilder begriffen. Geprägt wurde diese Einstellung zur Kunst vor 135 Jahren im belgischen Borinage. Die Empathie des Künstlers gegenüber den Menschen, denen er begegnete und die er zeichnete und malte, ist schon damals in vielen seiner Bilder zu spüren. Nirgends aber haben diese realistischen Darstellungen des „einfachen Lebens“, wie van Gogh es nennt, auch den Anspruch, das harte Elend kritisieren zu wollen. Das hätte für den Sohn eines calvinistischen Pastors offenbar der Prädestinationslehre seines Glaubens widersprochen. „Der Minenarbeiter ist ein für das Borinage spezieller Typ“, schrieb er stattdessen seinem Bruder kurz nach der Ankunft aus Belgien. „Das Tageslicht existiert für ihn kaum, und er sieht selten die Sonne. Aber er hat einen fröhlichen Charakter und vertraut sich seinem Gott an.“

          Im August 1880 verließ Vincent van Gogh das Borinage nach knapp zwei Jahren wieder, um nach Brüssel zu gehen und sich an der Kunstakademie einzuschreiben. Auch diese Ausbildung brach er nach kurzer Zeit wieder ab, um im April 1881 ins Elternhaus nach Etten zurückzukehren. Aus beinahe jeder Zeile seiner Briefe sprach danach der Wunsch, irgendwann als Künstler anerkannt zu werden.

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