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Van Gogh in Mons : Kein Meister fällt vom Himmel

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Interpretationen Millets

Allein die wenigen erhaltenen Frühwerke aus der Zeit im Borinage hätten eine Ausstellung nicht getragen. Aus ihnen ließen sich auch kaum kunsthistorische Erkenntnisse ableiten. Sjraar van Heugten hat deshalb das Thema der Künstlerwerdung Vincent van Goghs ausgeweitet, indem er jene Motive weiterverfolgt, die der Maler schon in frühen Jahren für sich entdeckt hat: die Arbeiter und ihr hartes Leben, die Hütten und bescheidenen Häuser, in denen sie leben, die Weber, zu denen van Gogh eigens von Belgien aus ins nordfranzösische Courrières reiste. Die Schau zeigt darüber hinaus die farbig gemalten Kopien, in denen der Autodidakt sein kurzes Künstlerleben lang vor allem die schwarzweißen Drucke von Jean-François Millet interpretiert hat.

Durch van Goghs gesamtes, nur zehn Jahre währendes Œuvre verfolgt die Ausstellung diese Themen. Einige spektakuläre Leihgaben aus dem Spätwerk konnten dafür in die belgische Provinz geholt werden: der Sämann aus Otterlo zum Beispiel oder zwei grabende Bauern aus dem Stedelijk Museum in Amsterdam, die van Gogh schon in Belgien skizziert hatte. Auf diese Werkgruppen konzentriert, belegen die Ausstellung und der für die frühe Periode grundlegende Katalog überzeugend, wie van Gogh nach und nach seine Fähigkeiten vervollkommnet – bis hin zu jenen leuchtend rot gedeckten Hütten von 1890 im Sterbeort Auvers-sur-Oise, die das Atheneum Helsinki nach Mons ausgeliehen hat. Verschiedenen Van-Gogh-Kennern gilt das großformatige Gemälde mit dem unvollendeten Himmel als mögliches letztes Bild des Malers.

Als Realist hat van Gogh sich von Anfang an verstanden, die Maler der Schule von Barbizon und der Haager Schule mit ihren ungeschönten Darstellungen des einfachen Menschen und seiner Lebenswelt als Vorbilder begriffen. Geprägt wurde diese Einstellung zur Kunst vor 135 Jahren im belgischen Borinage. Die Empathie des Künstlers gegenüber den Menschen, denen er begegnete und die er zeichnete und malte, ist schon damals in vielen seiner Bilder zu spüren. Nirgends aber haben diese realistischen Darstellungen des „einfachen Lebens“, wie van Gogh es nennt, auch den Anspruch, das harte Elend kritisieren zu wollen. Das hätte für den Sohn eines calvinistischen Pastors offenbar der Prädestinationslehre seines Glaubens widersprochen. „Der Minenarbeiter ist ein für das Borinage spezieller Typ“, schrieb er stattdessen seinem Bruder kurz nach der Ankunft aus Belgien. „Das Tageslicht existiert für ihn kaum, und er sieht selten die Sonne. Aber er hat einen fröhlichen Charakter und vertraut sich seinem Gott an.“

Im August 1880 verließ Vincent van Gogh das Borinage nach knapp zwei Jahren wieder, um nach Brüssel zu gehen und sich an der Kunstakademie einzuschreiben. Auch diese Ausbildung brach er nach kurzer Zeit wieder ab, um im April 1881 ins Elternhaus nach Etten zurückzukehren. Aus beinahe jeder Zeile seiner Briefe sprach danach der Wunsch, irgendwann als Künstler anerkannt zu werden.

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