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Die Kunstszene Ruandas : Heilt Malerei wirklich tiefe Wunden?

  • -Aktualisiert am

Vor zwanzig Jahren stand Ruanda nach dem Völkermord an den Tutsi vor dem Nichts. Jetzt hat das Land wieder Hoffnung. Eine wichtige Rolle dabei spielt die lebendige Kunstszene.

          6 Min.

          Wer in Kigali von einem Ort zum anderen gelangen will, nimmt ein motor taxi: eines jener klapprigen Motorräder, die von ihren Fahrern liebevoll gepflegt werden. Man handelt einen Preis aus und lässt sich einen Helm reichen. Ich schwinge mich hinter dem Fahrer auf den Sitz. Es gibt nur wenige Ampeln in Ruandas hügeliger Hauptstadt, strenggenommen sind es keine Ampeln, sondern Haltepunkte, die anzeigen, wie viele Sekunden einem zum Überqueren der Kreuzung bleiben. Die Fahrer drehen im Stand voll auf, bis die Vorderräder abheben. Diese Beförderungsart übersteht man nur, wenn man sich gut festhält und den Männern am Lenker restlos vertraut. Viele von ihnen sind ehemalige Soldaten. Sie sind hart im Nehmen, diszipliniert, höflich und fahren wie der Teufel.

          Adressen, die man dem Fahrer nennen könnte, gibt es keine. Ich habe es einmal mit einem Straßennamen versucht, hätte aber ebenso gut sanskrit sprechen können. Als ich den Namen einer bekannten Lokalität nannte, die ein paar hundert Meter neben meinem Ziel lag, grinste der Fahrer, und schon ging es los. Neuankömmlinge sollten sich Orientierungspunkte merken, vorzugsweise Supermärkte oder Hotels. Von dort läuft man zu Fuß weiter.

          Es gibt eine lebendige Kunstszene

          Hotels dienen aber nicht nur der Orientierung. Sie eröffnen auch den Zugang zur Gegenwartskunst Ruandas. In einem der großen internationalen Hotels von Kigali – es gibt etwa das „Lando“ in Remera, das „Umubano“ in Kacyiru und das „Hôtel des Mille Collines“ in Kiyovu, das durch den Film „Hotel Ruanda“ berühmt wurde – machte ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit Werken ruandischer Künstler. Großformatige Gemälde schmücken Eingangshallen und Speisesäle, abstrakte und figurative Arbeiten, alle frisch aus den Ateliers der Stadt. Besonders für junge Künstler, die sich ihr Publikum erst suchen müssen, sind die Hotels eine wichtige Ergänzung zur zwar äußerst lebhaften, aber kleinen Galerieszene der Stadt.

          Den Galerien machen auch zahlreiche Restaurants Konkurrenz, die Kunstwerke ausstellen und verkaufen. Die Preise orientieren sich an dem, was Touristen und die obere ruandische Mittelschicht zu zahlen bereit sind. Mehr als sechstausend amerikanische Dollar kosteten auch die besten Stücke nicht, die ich gesehen habe.

          Es gibt wieder einen Markt für Kunst in Ruanda, es gibt einheimische Käufer, es gibt eine lebendige Kunstszene: all das grenzt an ein Wunder, wenn man bedenkt, dass vor zwanzig Jahren die Hälfte der Tutsi-Minderheit von Hutu-Extremisten massakriert, erstochen, aufgespießt, erschossen, vergewaltigt, versklavt oder gefoltert wurde. Wer davonkam, hatte sich oft tage- oder wochenlang versteckt, in Bananenpflanzungen oder flach auf dem Rücken liegend in einem Bach. Weite Teile der Bevölkerung leiden bis heute unter posttraumatischen Störungen. Oft sind sie so gravierend, dass selbst starke Medikamente nicht helfen.

          Armeecamps, Villen und ein Kunstzentrum

          Die polnische Wissenschaftlerin Malgosia Wosinska, die von Genoziden verursachte Traumata erforscht, sagt über Ruanda: „Wer traumatisiert ist, der wird sich dort völlig normal vorkommen.“ Sie ist überzeugt, dass Kunst zu schaffen eine therapeutische Übung sein kann. Ein Versuch, die Dämonen des Völkermords auszutreiben, die sich immer noch in den nachbarschaftlichen Beziehungsgeflechten verstecken.

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