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Video-Kunstwerk „River of Fundament“ : Eure Wiedergeburt geht nach hinten los

  • -Aktualisiert am

Bild: Gladstone Gallery

In München führt der Künstler Matthew Barney mit viel Prominenz eines der teuersten Filmprojekte der Kunstgeschichte vor. Nach sechs Stunden „River of Fundament“ stellen sich unliebsame Fragen.

          5 Min.

          Sogar der Intendant der Staatsoper, Nikolaus Bachler, musste zugeben, dass es sich um einen Rekord handelte. Es sei mit knapp sechs Stunden die längste Aufführung, die je in diesem Haus stattgefunden hätte. Selbst Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ ende, die Pausen eingerechnet, zehn Minuten früher.

          Und deshalb staunten auch Münchens Taxifahrer nicht schlecht, als sie, nachdem die Restaurants und Bars längst geschlossen hatten, morgens um halb drei auf taumelnde Personengrüppchen stießen, die mit schlaffen Armen die Wagen herbeiwinkten und blinzelnd vor Müdigkeit den Namen des Ortes murmelten, an dem ihr Bett wartete. „Wo kommen Sie denn her?“, wunderte sich der Taxifahrer, der einem glücklichen Bären glich, in dessen Revier plötzlich unerwartet ein Lachsschwarm einschwimmt.

          Prominente, Tiere, Sensationen

          Sie alle kamen aus der Vorführung von „River of Fundament“, dem lang ersehnten Film des amerikanischen Künstlers Matthew Barney, der in den neunziger Jahren zum Liebling des Kunstbetriebs aufstieg und nach der Hochzeit mit Björk als eine Art Popstar galt. Als nun die Europa- Premiere des Films begangen wurden, waren die Zeichen auf Rekord gestellt. Der Film tritt mit einem Staraufgebot an, der Hollywood-, Kunst- und Literaturwelt: Die Schauspielerin Maggie Gyllenhall ist mit dabei, die Schriftsteller Jeffrey Eugenides und Salman Rushdie, der Künstler Lawrence Weiner und natürlich Matthew Barney selbst.

          Dazu kommt ein gigantischer Maschinenpark: Hubschrauber, Hochöfen, Frachtkähne, Schrottpressen, Sportwagen und Limousinen. Königstiere treten auf, vor allem Schlangen, aber auch ein Krokodil. Superlative auch bei den Skulpturen: Aus dem Wrack eines 1967er Chrysler Crown Imperial wird - jawohl - mit Eisen, Koks und Kalkstein der mit „25 Tonnen der größte nichtindustrielle Eisenguss der Geschichte“ gebacken.

          Dem Augenschein nach dürfte es sich auch um den teuersten Kunstfilm der Geschichte handeln. Es gibt jede Menge Paraden, die zerfallende Industriekulisse Detroits, außerdem einen Leichenschmaus für den 2007 verstorbenen Schriftsteller Norman Mailer, dessen Wohnung nachgebaut wurde.

          Too big to fail?

          Den Ballast, die monströsen Requisiten dieses Exzesses sind ins Haus der Kunst verschoben worden, für die Dauer der Ausstellung „River of Fundament“. Als Aufführungsort für die Orgie selbst, den gleichnamigen Film in drei Akten, wählte man die Bayerische Staatsoper. Life-Performances gab es nicht, dafür aber den Kunstwillen, nicht als Film, sondern als projizierte Oper wahrgenommen zu werden - mit samtgepolsterten Stühlchen und in geistiger Nähe zu Wagner.

          Die Versuchsanordnung also für das Experiment hieß „too big to fail“. Von Paul Rosenberg, Picassos Galeristen, ist bekannt, dass er ein Vermögen für alte Rahmen ausgab, in denen er seine neuen Künstler zeigte, je wuchtiger, desto besser. „Die Sauce wird helfen, den Braten zu schlucken“, lautete sein Kommentar. Serviert wurde auch bei Barney mit dicker Rekordmythossauce. Aber gab’s auch Braten?

          Der Unterschied zwischen einem Kunst- und einem Kinofilm besteht ja darin, dass beim Kunstfilm alles erklärt werden muss. Kein Kino, kein Buch mutet den Zuschauern oder Lesern zu, sich neben dem Werk auch mit Handouts und Katalogen zu beschäftigen. Die meisten Kunstgattungen reisen mit Bordmitteln; ihr Gepäck, den Proviant und Treibstoff führen sie mit sich, alles das, was man braucht, um ein Werk zu lieben, zu hassen oder auch nur zu konsumieren.

          Nicht der Kunstfilm: Er wird von vielen kleinen Beibooten umschippert, von denen aus während der Fahrt allerlei auf Deck geworfen werden muss. Im Fall von Matthew Barney sind es ausufernde Informationen dazu, dass sich der Film auf Norman Mailers Roman „Ancient Evenings“ von 1983 bezieht (Programmheft), der von der Presse „überwiegend kritisiert“ worden sei (Booklet der Ausstellung). Dass Mailer dabei auf die ägyptische Mythologie zurückgreife und der altägyptische Edelmann Menenhetet I versuche „mit Hilfe von Zauberei und Kunststücken dreimal hintereinander als Kind seiner eigenen Frau wiedergeboren zu werden“ (Pressemappe); es ginge um „Tod und Reinkarnation eines beseelten Automobils“ (auch Pressemappe). Außerdem - was nicht in den Texten steht - gibt es jede Menge Genitalien, riesige Kothaufen, Kackwürste (sorry, kann man nicht anders nennen) und blubbernden Urin.

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