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Victoria and Albert Museum : Sein ganz persönlicher Brexit

Die Pink-Floyd-Ausstellung, auf die das Schweinchen hinweist, wird das V&A im Frühjahr 2017 unter neuer Leitung erleben. Bild: Reuters

Einst wurde er wegen seiner internationalen Perspektive geholt, nun wird es ihm im zunehmend nationalistischen England zu eng: Martin Roth, Leiter des Londoner Victoria and Albert Museums, hört auf.

          Martin Roth, seit fünf Jahren Leiter des Londoner Victoria and Albert Museums, hat Berichte bestätigt, denen zufolge er sein Amt im Herbst niederlegen werde. Der ehemalige Generaldirektor der Kunstsammlungen Dresden begründet seinen Weggang mit dem Brexit, den er als persönliche Niederlage empfindet. Gegenüber dieser Zeitung sagte er jetzt, die nationalistischen und antieuropäischen Strömungen erforderten ein stärkeres und unmittelbareres Engagement. Es seit Zeit, Farbe zu bekennen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          In der offiziellen Erklärung heißt es, Roth wolle sich verstärkt verschiedenen internationalen Kulturberatungen widmen und mehr Zeit mit seiner Familie verbringen. Ob dies bedeutet, dass er die Präsidentschaft des Stuttgarter Instituts für Auslandsbeziehungen, die er im nächsten Jahr übernimmt, nun zu einer Vollzeitbeschäftigung ausbauen will, ist unklar. Als seine Ernennung im Juni bekanntgegeben wurde, schien einiges darauf hinzudeuten. Roth sprach von einem Ehrenamt, auf das er sich freue, weil „Foreign Relations“ sein Thema seien.

          Die internationale Vernetzung war ein entscheidender Grund für Roths überraschende Berufung zum Direktor des Victoria and Albert Museums. In Dresden hatte er bereits enge Verbindungen nach China und Indien geknüpft, auf die er als Direktor des Londoner Kunstgewerbemuseums baute. Davon zeugte unter anderem die im Frühjahr in Zusammenarbeit mit dem staatlichen Projektentwicklungsunternehmen China Merchants lancierte Design Society in dem neuen Kulturkomplex des Industriegebiets Shekou von Shenzhen.

          Lauter zeitgeistige Glamour-Projekte

          Die „kollaborative Plattform“, die Synergien schaffen, China mit der Welt verbinden und die Verkettung von Design, Gesellschaft und kreativer Industrie fördern soll, umfasst auch ein vom V&A ausgerichtetes Design-Museum. Das ist ein Projekt ganz nach dem Herzen Martin Roths – wie die im Mutterhaus gesetzten Schwerpunkte auf dem Gebiet von Technik und Ingenieurswesen sowie die Erweiterungsprojekte im schottischen Dundee und auf dem Olympia-Gelände im Osten Londons. Roth ist ein Kulturmanager, der die Zukunft im Visier hat.

          Mehr Zeit für internationale Kulturberatung und Familie: Martin Roth.

          Innerhalb des Museums wird das Ausmaß dieses Engagements kritischer beurteilt. Wie zu Zeiten der umstrittenen Direktorin Elizabeth Esteve-Coll, die zwischen 1987 und 1994 die wissenschaftlichen Mitarbeiter mit ihren Modernisierungsplänen verdross, empfinden alteingesessene Kuratoren, dass die ständige Sammlung gegenüber zeitgeistigen Glamour-Projekten von einem Direktor vernachlässigt werde, der sich lieber beim Weltwirtschaftsforum in Davos blicken lasse, als sich mit dem Kernbestand des Museums und seiner wissenschaftlichen Arbeit auseinanderzusetzen.

          In der Presseerklärung über den Weggang Roths werden als besondere Leistungen seiner Ära neben der neuen Präsentation der Galerien für das Europäische Kunsthandwerk zwischen 1600 und 1815 zwei Kassenschlager hervorgehoben – die David-Bowie-Ausstellung und die Retrospektive zum Werk von Alexander McQueen. In der vergangenen Woche hat Roth Pläne für eine Ausstellung über die Band Pink Floyd vorgestellt. Dieser Tage wird eine Schau mit Schallplattenhüllen der sechziger Jahre eröffnet. Damit lässt sich freilich der Andrang steigern.

          Nachfolge noch offen

          Aufgrund der Besucherzahlen und der Medienaufmerksamkeit kann Roth denn auch mit Recht behaupten: „Das V&A steht so extrem gut da, dass ich es gerne jetzt an die nächste Generation weitergeben möchte.“ Wer jedoch den Wert der historischen Sammlung kennt, die im Sinne der viktorianischen Gründer eine Art von Schule für das Design bilden sollte, bedauert, dass sich die drei Aufgaben des Museums – die Verpflichtung gegenüber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – nicht die Waage halten. Gegen das Metropolitan Museum, das populäre Schauen nutzt, um gelehrte kunsthistorische Ausstellungen zu kuratieren, fällt das Programm des Victoria and Albert Museums deutlich ab.

          Es ist zu vermuten, dass das Kuratorium bei der Suche nach einem Nachfolger das Netz weit auswerfen wird. Dass zwei der wichtigsten nationalen Museen Britanniens, das Victoria and Albert und das British Museum, in den vergangenen Jahren Direktoren aus dem Ausland rekrutieren mussten, wird mancherorts als Armutszeugnis gewertet. Wer auch immer die Stelle bekommt, wird im Idealfall das unternehmerische und politische Flair von Roth mit einem Interesse an den klassischen kuratorischen Werten verbinden müssen.

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