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Victor Vasarely im Städel : Abgründige Astro-Renaissance

Das Frankfurter Städel zeigt in einer opulenten Ausstellung, wie sich die psychedelischen Zauberwürfelkonstrukte Victor Vasarelys raumgreifend aus dessen Bauhaus-Bildern auswölben.

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          Von keinem anderen Jahrzehnt ist so wenig in den Museen verblieben wie von Gemälden der Siebziger. Während die fünfziger und sechziger Jahre zahlreich vertreten sind, findet sich aus jener Dekade maximal noch ein Gerhard Richter oder Konrad Klapheck, die aber im Grunde fortgesetzte Ideen der Sechziger sind. Bilder von Victor Vasarely: Fehlanzeige. Zwar besitzen die großen Sammlungen wie das New Yorker Guggenheim, das Pariser Centre Pompidou oder eben das Frankfurter Städel noch Hauptwerke Vasarelys, viele Museen zeigen seine Bilder aber nicht mehr öffentlich, und auch insgesamt ist es sehr ruhig um den einst als Erfinder der Op-Art Gefeierten geworden.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein gewisser Überdruss, vielleicht wegen des Warhol-Effekts seiner als Kaffeetassenaufdruck oder als Tapete teils zur Dekokunst verkommenen Bilder, ist bei vielen heute spürbar. Das ist deshalb verwunderlich, weil der 1906 im ungarischen Pécs geborene und erst 1997 verstorbene Maler sich eigentlich untilgbar in die Kunstgeschichte eingeschrieben hatte: nicht nur als jemand, der fast das gesamte zwanzigste Jahrhundert künstlerisch begleitete, sondern als einer der wenigen, die dabei die sogenannte erste Moderne der zwanziger Jahre mit der zweiten Moderne der Nachkriegszeit auf eine eigentümliche Weise kurzgeschlossen haben. Allein schon durch den fatalen Bruch der dreißiger und vierziger Jahre war dies aber beileibe kein geradliniger Weg, weshalb die Frankfurter Vasarely-Ausstellung ehrlicherweise den Untertitel „Im Labyrinth der Moderne“ führt.

          Drei Projekte, dreimal Deutschland

          Ist dieser Stil-Irrgarten durchstreift, hat man am Ende vor allem ein nahezu unbekanntes Frühwerk entdeckt, das durch Vasarelys Ausbildung bei dem ungarischen „Bauhaus“-Lehrer Sándor Bortnyik wesentlich facettenreicher und eben labyrinthisch-abseitiger ist als das gewöhnlich klischeebeladene Vasarely-Bild. Denn gerade die – heute in den Museen – vergessenen Siebziger und die – bei Vasarely vernachlässigten – dreißiger/vierziger Jahre stehen in Frankfurt im Fokus. Das Jahr 1972, das einen Kristallisationspunkt der Ausstellung bildet, war für Vasarely ein annus mirabilis. Er entwarf den großen Speisesaal der Bundesbank in Frankfurt, das Design der Olympiade in München und das Kühleremblem von Renault, das bis heute unverändert blieb. Alle drei Großprojekte dieses Jahres finden in Deutschland statt oder fahren zumindest auch auf deutschen Straßen.

          Dass es den Ausstellungsmachern um Städel-Direktor Philipp Demandt gelungen ist, den Bank-Speisesaal während der Restaurierung aus dem dreizehnten Stock des Hochhauses in das Untergeschoss des Städel zu verpflanzen, ist ein Glücksfall – nur sehr selten wird der Besucher in einem Museum von einer Kasino-Einrichtung empfangen. Mit seinen Dutzenden futuristisch spiegelnden Kunststoffscheiben in Silber, Gelb, Schwarz und Ocker bildet der Speisesaal der Bank eine rasante Zeitmaschine in die zukunftsverliebte Vergangenheit.

          In dieses auf Repräsentation abzielende Interieur, einem der sehr wenigen vollständig erhaltenen aus den frühen Siebzigern, läuft man wie in eines von Vasarelys Bildern – es ist mit seinen ursprünglichen Aluminiumleuchtzylindern an der Decke in einem Netz aus Quadraten und den über alle drei Wände (die vierte ist in situ das Panoramafenster des Bundesbankhochhauses, im Museum die Eingangswand) gezogenen abstrakten Kreis-Elementen ein begehbares, gleichsam nach innen ausgestülptes 3D-Bild. Das wiederum ist charakteristisch für die Bauhaus-Idee, die alle Bereiche des menschlichen Lebens erfassen will. Mit dieser sciencefictionhaften Raum-Schiff-Komposition suchte sich die Bundesbank jedenfalls eine Aura des Aufbruchs und der Zukunftsfähigkeit zu verschaffen.

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