https://www.faz.net/-gqz-7klp7

Victor Hugo und die Surrealisten : Im Klecks steckt alles

Mit dem Zufall muss man umzugehen wissen: Eine Pariser Ausstellung zeigt Bilder von Victor Hugo und den Surrealisten.

          „Victor Hugo ist surrealistisch, wenn er nicht dumm ist.“ So steht es in André Bretons erstem „Manifest des Surrealismus“ von 1924. Das ist zwar etwas herablassend formuliert, doch immerhin: Victor Hugo war schließlich kein Autor, der sich ohne weiteres als Patenfigur der Avantgarde anbot. Er war der Dichter, dessen Begräbnis 1885 zwei Millionen Menschen auf die Pariser Straßen gebracht hatte, der in den Schulbüchern der Republik zu lesen war, die ihm auch die Ehren des Pantheons hatte zuteil werden lassen. Der Kontrast zu den angestammten Heiligenfiguren der Surrealisten, den fast Vergessenen und früh Verstorbenen, konnte größer kaum sein.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Und doch war für Breton und einige seiner Mitstreiter auch klar, dass vor allem der späte Hugo in das Schema des einerseits kanonisierten, andererseits von der akademischen Kritik gern gemaßregelten Nationaldichters nicht passte. Die poetische Naturgewalt, die Hugo verkörperte, schoss über solche Einhegungen hinaus. Ob in schwingenden Versen oder bildhaft wuchtender Prosa – bei ihm wurde das Visionäre und Traumhafte, das den Surrealisten am Herzen lag, nicht bloß beschworen, sondern lebendig zelebriert.

          Und das Visionäre kannte bei ihm zudem ganz konkrete Spielarten: Erst 1923 waren die erhalten gebliebenen Mitschriften der Séancen erschienen, die siebzig Jahre früher stattgefunden hatten. Die Mode der „tables parlantes“, der Kommunikation mit dem Geisterreich mittels sich bewegender oder Klopfzeichen sendender Möbel, war damals gerade dabei, von Amerika auf Europa überzuspringen. Und auf der Insel Jersey, wohin Hugo mit seiner Familie geflüchtet war, nachdem ihn seine Diatribe gegen Napoleon III. auch aus dem Brüsseler Exil vertrieben hatte, erlebte sie gleich einen veritablen Höhepunkt.

          Denn dort, im Haus und im Beisein des Dichters, meldeten sich nicht bloß verstorbene Verwandte oder Freunde, sondern neben Jesus, Shakespeare und Galilei auch der Tod, das Drama und der Ozean – und ganz selbstverständlich war, dass das Geisterreich ungefähr so sprach wie Hugo schrieb. Ein Dichter wie er webte auf bodenständige Weise in dieser Sphäre, die für ihn ohnehin nicht abzutrennen war von der vermeintlich einzig soliden Wirklichkeit.

          Kurz vor der Publikation dieser Mitschriften aus Jersey hatten die Séancen in André Bretons Wohnung in der rue Fontaine begonnen. Und wenn auch die Botschaften, die da mitnotiert wurden – Robert Desnos erwies sich als Medium von großer Statur – etwas bescheidener waren als die von Hugos hohen Besuchern: ein Kontakt war da auch über die Jahrzehnte hinweg hergestellt zwischen Hugo und den jungen Avantgardisten.

          Im letzten Jahr hatte ihn eine schöne Ausstellung in der Pariser Maison Hugo bereits ins Auge gefasst, als eine Facette der Verbindungen, die sich von Hugos ruckelndem Tischchen zu allen möglichen Formen „geisterhaft“ diktierter Äußerungen und Bilder ziehen lassen.

          Die jetzige Ausstellung konzentriert sich dagegen ganz auf Hugo und die Surrealisten. Das Thema der Séancen und der Auslotung der Träume – Hugos großer Traumtext „Promotorium somnii“ erschien sogar erst 1937 – ist nun seinerseits nur eine Facette von mehreren, die auf eindrückliche und durchaus nicht voreilige Weise Verwandtschaften sichtbar machen. Wirklich sichtbar, nicht nur lesbar, denn die Ausstellung baut vor allem auf die Korrespondenzen in den Bilderwelten Hugos und der Surrealisten.

          Ein Tuschblatt Hugos, einer seiner „Flecken“, hatte bereits in der New Yorker Surrealismus-Ausstellung von 1936 in dem Saal gehangen, der den „Vorläufern“ gewidmet war. Auf das Zusammenspiel von Zufallsprozess und Ausgestaltung kam es bei Hugo an. Das Mischungsverhältnis beider Komponenten war unterschiedlich, reichte von fast reiner Aleatorik bis zu verschiedenen Hilfsmitteln, um anvisierte Sujets auftauchen zu lassen: aus lavierten Tintengründen, durch Abdrücke von Gegenständen oder Abklatsch auf aufgelegtes Papier oder auch mit Schablonen. Es sind spielerische Formen und die Sujets, wenn sie sich denn festlegen lassen, gehören ins romantische Repertoire: aufgewühlte Natur, ragende Felsen, Tintenwälder, pittoreske Burgen, geträumte Landschaften oder fantastische Tiere.

          Es waren die Surrealisten, die diese Blätter nicht länger als bloßen Zeitvertreib des Dichters ansahen. So wie sie Formen der gemeinsamen Spielerei mit Zeichnungen und Worten fortführten, wie sie auch in den geselligen Runden bei Hugo schon gepflegt worden waren. Die Ausstellung führt diese Verwandtschaften mit Engführungen zu Motiven und verwendeten Techniken vor. Unter den Sujets etwa: Nachtstücke, Wälder, Landschaften, Himmelsbilder, Tiere. Unter den Techniken: Abdrücke, Frottagen, Dekalkomanien, Schablonen oder auch die Wortspiele.

          Das Netz der Korrepondenzen wird mit exzellenten Bildern aufgespannt, unter anderen von André Masson, Max Ernst, Oscar Dominguez, Unica Zürn, Hans Bellmer oder Yves Tanguy. Will man einen Namen hervorheben, so ist es wohl der von Max Ernst, dessen Frottagen mit Hugos Abdrücken von Spitzenborten dialogisieren, dessen petrifizierte Wälder Hugos „Wellenbrecher von Jersey“ fortzusetzen scheinen und der auch zu den Bestiarien beisteuert. Es geht da nicht um motivische Übernahmen, sondern um einen gemeinsamen Hintergrund, um romantische Quellen. Das geplante Frankfurter Romantikmuseum könnte sich vielleicht gleich etwas abschauen für Ausstellungen, die das Fortleben solcher Erbschaften in anregender Weise vorführen.

          Weitere Themen

          Transformers wird gerettet Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Bumblebee“ : Transformers wird gerettet

          Wer bisher kein Fan von den Transformers-Filmen war, sollte sich „Bumblebee“ trotzdem nicht entgehen lassen. Wie Charlie Watson gespielt von Heilee Steinfeld zusammen mit dem gelben Käfer die Reihe rettet, erklärt Dietmar Dath.

          „Bumblebee“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Bumblebee“

          Am 20. Dezember kommt der Prequel des 2007 Transformers „Bumblebee“ in die deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht der gleichnamige Transformers-Charakter.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.