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Fake News im Museum : Kann doch alles gar nicht wahr sein

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Wie war das nun mit dem Zusammenhang von Wahrheit und Kunst? Marie Losier porträtiert den Musiker Felix Kubin mit „Eye Closed“ Bild: Marie Losier

Eine Düsseldorfer Kunstausstellung zeigt Verschwörungstheorien und Wahrheitsverdrehung in aktuellen Debatten. Aber warum wird über den Zusammenhang von Kunst und Wahrheit so wenig nachgedacht?

          Diesen Schopf lässt er nicht vorübergehen: Alain Bieber, der vor lauter Umtriebigkeit stets etwas hibbelige Direktor des NRW-Forums in Düsseldorf, erklärt in seinen Einleitungsworten zu der gemeinsam mit Florian Waldvogel kuratierten Ausstellung „Im Zweifel für den Zweifel. Die große Weltverschwörung“ den jüngst treppauf gefallenen Hans-Georg Maaßen frech zum „inoffiziellen Schirmherrn“. Mit einer Schau zu Fake News und Wahrheitsverwirrung positioniert man sich auf der Schaumkrone der aktuellen politisch-medialen Debatten. Die geweckten Erwartungen erfüllt die Ausstellung allerdings nicht. Das liegt am hemdsärmeligen Umgang mit der ohne Reflexion allem angeklebten Modevokabel „Fake“.

          Über den Zusammenhang von Wahrheit und Kunst etwa denkt die Ausstellung nur indirekt nach. Dabei hat gute Kunst immer mit Mehrdeutigkeiten zu tun, mit dem Spiel von Ästhetik und Symbolik, was im Idealfall eine neue Perspektive auf die Wirklichkeit eröffnet. Gerade hier jedoch, wo qua Konzeptkunst dezidiert verstörende Situationen kreiert werden sollen, herrscht oft eine schrille Eindeutigkeit der Botschaft. Ob es Andreas Slominskis Banane ist, der vorgeblich (oder nur ein Gerücht?) Urin injiziert wurde, die Crowdaktion der Künstlergruppe Iocose – weltweit halten Menschen Plakate mit sinnfreien konspirativen Thesen unter demselben Symbol in die Handy-Kamera, was eine Paranoia-Epidemie simulieren soll – oder der von Julius von Bismarck, Richard Wilhelmer und Benjamin Maus per autonomem Flugdrachen an den Düsseldorfer Nachthimmel gepflanzte falschen Stern, ein helles LED-Licht in hundert Meter Höhe und ingenieurstechnisch durchaus eine Leistung.

          Julius von Bismarck, Richard Wilhelmer und Benjamin Maus platzieren per autonomem Flugdrachen einen falschen Stern an den Düsseldorfer Nachthimmel.

          Es fehlt leider die erkenntnisfördernde Doppelbödigkeit. Man wird immer nur zurückgeworfen auf die schlichte Einsicht, dass der Wahrnehmung eben nicht zu trauen ist. Der per Zufallsschaltung im Raum herumhuschende Suchscheinwerfer, unklar zwischen Bühnen-Spot und Überwachungstechnik situiert, ist auch nicht eben Olafur Eliassons subtilstes Werk.

          Ästhetisch ansprechend sind die Zeichnungen und Aquarell-Tarotkarten von Suzanne Treister rund um den Aufstieg der stets geheimnisumwehten Kybernetik; derart verabreicht, entfalten auch einfache Botschaften wie „WWI“, „WWII“, „WWW“ ihren Reiz. Juliane Herrmanns Fotoserie über Freimaurerlogen wirkt gar heiter sakral. Die Bilder stellen auf die verspielte Theatralik dieser verschlossenen Welt ab, in der Herrmann, wie sie sagte, nur „ganz normale, nette Leute“ vorfand: eher eine Entschwörung also. Weiterhin lassen sich die bekannten, aber immer wieder eindrücklichen Großformate des aus der Werbung kommenden Künstlers Michael Schirner bestaunen. Es sind Reproduktionen ikonischer Pressefotografien, aus denen das entscheidende, oft gesellschaftsverändernde Motiv herausretuschiert wurde: Brandts Kniefall ohne Willy Brandt, New York am 11. September 2001 ohne die rauchenden Türme, die Barschel-Wanne ohne Uwe Barschel. Man kann das simple Photoshop-Kunst nennen, aber hier geschieht etwas, weil vor dem inneren Auge Nachbilder des Geschehenen auftauchen, die dem meist friedlichen Eindruck der Abbildungen widersprechen, ein Ringen zwischen Realitäts- und Möglichkeitssinn.

          Brandts Kniefall ohne Willy Brandt: Hier geschieht etwas, ein Ringen zwischen Realitäts- und Möglichkeitssinn.

          Dann gibt es noch ein wenig Hackerkunst aus Paris, bei der Verschwörungstheorien gegen die großen Tech-Firmen live und automatisiert in die sozialen Netzwerke eingespeist werden, dazu einige Soundcollagen, die mit Verschwörungen nichts zu tun haben, sowie die bereits auf der Documenta 14 respektive im Londoner Institute of Contemporary Arts gezeigte Installation der britischen Gruppe Forensic Architecture: eine Rekonstruktion jenes Kasseler Internetcafés, in dem der anwesende Verfassungsschützer Andreas Temme den NSU-Mord an Halit Yozgat nicht mitbekommen haben will.

          Eine Antwort auf die von Waldvogel gestellte Leitfrage, woher die große Unzufriedenheit und Angst in Deutschland stamme, die dem Aufblühen des mit Verdächtigungen und „postfaktischen“ Lügen operierenden Rechtspopulismus zugrunde liege, wird mit alldem nicht gegeben. Der kleinformatige, voluminöse Katalog, der auch historische und neue Essays zu Wahrheit und Lüge versammelt, zitiert – das macht sich immer gut – Michel Foucault als Zeugen der Anklage: „Die Wahrheit ist von dieser Welt.“ Ihre Produktion folge Zwängen der Macht. Zumindest die angewandte Diskurstheorie muss sich aber fragen lassen, ob ihr Brecheisen-Vordringen nicht doch auch dem um sich greifenden Relativismus Vorschub geleistet hat. Dass der stärkste Gegendiskurs einmal von rechtsaußen kommen könnte, haben sich Foucault und seine Adepten wohl kaum vorgestellt.

          Ohne Hysterie schrumpft jede Verschwörungstheorie zur liebenswürdigen Komödie: Juliane Herrmanns blickt mit dem Fotozyklus „Man among Men“ auf die geschlossene Gesellschaft der Freimaurer.

          Der Katalog-Reader selbst unterläuft die Diskurstheorie nicht, sondern verbleibt ganz im Bann der erregten Debatten der Postmoderne, ruft erwartbar Nietzsche, Lyotard und Derrida auf. Tom Kummer darf noch einmal seine erfundenen Star-Interviews als das Gegenteil von Fakes anpreisen, nämlich als Subversionen eines komplett artifiziellen Systems aus Stars und Medien. Dass der Begleitband jedoch sogar einen nicht satirisch gemeinten Beitrag enthält, der eine Verschwörung der „herrschaftsnahen Medien“ wittert und über die triviale These hinaus, dass es unter Subjekten keine hundertprozentige Objektivität geben kann, wirr unterstellt, mit dem Beharren auf Fakten würde der Antisemitismus gefördert, weil die Erinnerung an den Holocaust nur als poetisierende Inszenierung möglich sei, diskreditiert beinahe das gesamte Ausstellungsprojekt. Es bleibt nur ein Blick am „Fake Star“ vorbei auf die übrigen Sterne, die vielleicht viel falscher, nämlich längst erloschen sind, obwohl ihr Licht gerade erst ankommt. Angst muss man vor ihnen trotzdem nicht haben. Ohne Hysterie wiederum schrumpft jede Verschwörungstheorie zur liebenswürdigen Komödie, wie der schöne Fotozyklus von Juliane Herrmann zeigt.

          Im Zweifel für den Zweifel. Die große Weltverschwörung im NRW-Forum Düsseldorf läuft bis zum 18. November, der Katalog kostet 32 Euro.

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