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Kunstpreis für Walid Raad : Preview einer Ausstellung, die vielleicht verboten wird

Das geschichtspolitische Klima ist umgeschlagen. Walid Raads Installation in der Synagoge Stommeln rief 2016 noch keine Behörden auf den Plan. Bild: dpa

Gegen den Willen der Stadt Aachen erhielt Walid Raad den Aachener Kunstpreis. Bei der Preisverleihung zeichnete sich der nächste Konflikt ab: Mit dem Preis ist eine Ausstellung verbunden. Wird sie stattfinden können?

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          In einem Aachener Hotel wurde Walid Raad am Sonntag der Aachener Kunstpreis übergeben. Dass die Preisverleihung nicht im Ludwig Forum für Internationale Kunst stattfinden konnte, wäre nicht im Sinne der Namensgeber des städtischen Museums, der Sammler Peter und Irene Ludwig, gewesen – diese Einschätzung äußerte Iva Haendly, die Vorsitzende der Freunde des Ludwig Forums. Wegen „vermeintlicher Nähe“, so Haendlys Formulierung, des Preisträgers zur antiisraelischen BDS-Bewegung hatte sich die Stadt Aachen zwei Wochen vor dem Termin von der Vergabe zurückgezogen. Der Verein bekennt sich in Haendlys Worten zum Existenzrecht Israels, verteidigt aber auch das Recht, die Politik Israels zu kritisieren.

          Johan Holten, Direktor der Kunsthalle Mannheim, lobte namens der Jury Raad als den Pionier einer Konzeptkunst neuen Stils, der für die Konzepte der aktuellen kunsttheoretischen Debatte über Wahrheit und Fiktion das entscheidende Material geliefert habe. Auch bezogen auf die Geopolitik des Nahen Ostens, die ihm seine Stoffe liefert, wies Holten ihm die avantgardistische Position eines durch Ortskenntnis überlegenen Aufklärers zu. Raad rücke nicht in Konfliktzonen ein. Vielmehr „ist es so, als wäre er immer schon da, bevor eine Zone zur Konfliktzone wird“.

          Am Beispiel von Raads Engagement für die Gastarbeiter, die beim Bau der Weltmuseumsfilialen auf der Arabischen Halbinsel ausgebeutet werden, erläuterte der Laudator das Zusammenspiel von politischem Aktivismus und künstlerischer Aktivität. Gegen die Geheimhaltung als Machttechnik operiert Raad in der politischen Öffentlichkeit mit dem Medium des öffenen Briefes und im Museum mit dem Kunstmittel des täuschend echt erfundenen Dokuments.

          Ein geheimgehaltener Briefwechsel

          Bei Ausstellungen von Raad gehören auch Pressemitteilungen zur Ausstellung. Holten fasste seine eigene Beschäftigung mit einem Konvolut des von Raad fingierten Kollektivs von Archivaren namens The Atlas Group so zusammen: „Schritt für Schritt, indem ich las und las, wurde die augenscheinliche Geschichte unglaublich.“

          Raad sagte in seinen Dankesworten, dass diejenigen einen Preis bekommen sollten, die den Widerruf der Preisvergabe verhindert hätten. „Ist es ein trauriger oder ein glücklicher Tag, wenn schon die einfache Verteidigung der Redefreiheit im heutigen Deutschland einen Preis verdient? Das müssen Sie mir sagen.“

          Der Verein will erreichen, dass die mit dem Preis verbundene Ausstellung im Ludwig Forum realisiert wird. Raad gab schon deren Thema bekannt: die Kontroverse um seinen Preis. Und er verlas so etwas wie den ersten Entwurf für den Katalog. „Da gibt es einen Brief. Da gibt es einen anderen Brief.“ Eine solche Liste produziert von selbst den Zweifel. „Gibt es da eine Geschichte? Gibt es da einen Oberbürgermeister?“ Den Briefwechsel zwischen Oberbürgermeister und Preisträger hält die Stadt geheim. Der Künstler äußerte die Hoffnung, dass es den Besuchern der Ausstellung gelingen werde, „den komplizierten Knoten zu entwirren“. Dann würde die augenscheinliche Geschichte des Aachener Kunstpreises unglaublich.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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