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Haeckels Naturalien : Der Tod und das Mädchen

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Prächtiger Formenreichtum: Sobald die erwachsene Seescheide an ihrem Untergrund andockt, bildet sich ihr Gehirn komplett zurück. Bild: Hessisches Landesmuseum Darmstadt / Wolfgang Furhmannek

Die Darmstädter Ausstellung des deutschen Zoologen Ernst Haeckel schlägt den Bogen von der Kunst zu Kunsthandwerk und Wissenschaft: „Verborgene Schönheit. Kunstformen der Natur“.

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          Diese schönste aller Scheibenquallen benannte der deutsche Zoologe Ernst Haeckel nach seiner ersten Frau: Desmonema annasethe. Eine romantische Geschichte ist es aber leider nicht. Denn eben jene Anna Sethe verlor Ernst Haeckel auf den Tag genau an seinem dreißigsten Geburtstag, dem 16. Februar 1864. Ein Blinddarmdurchbruch könnte der Grund für den plötzlichen Tod der jungen Frau gewesen sein.

          Haeckel, wie sein Biograph Robert Richards herausgearbeitet hat, zersprang an diesem Tag in zwei Teile. Mit grimmigem Welthass wühlte sich der Forscher von nun an in dunkelsten Nihilismus hinein, als ob die gesamte organische Natur für die Lücke büßen müsse, die Anna Sethes Tod in sein Leben gerissen hatte. Gleichzeitig jagte er seiner geraubten Liebe hinterher und beschwor sie glühend im Medium der Natur. Desmonema gibt er in seinem berühmten Bildband „Kunstformen der Natur“ einen Körper aus taubenblauen Rüschen und endlose Tentakel, die wie Haare über die Seite fließen.

          Eine reiche Fülle neuer und schöner Motive

          Haeckels 1899 bis 1904 erschienenes Mappenwerk hat nun das Hessische Landesmuseum in Darmstadt zum Anlass für eine kleine Ausstellung genommen, die den Titel „Verborgene Schönheit. Kunstformen der Natur“ trägt und das Gegenteil des bösen Besucherstaubsaugers ist, als der sich Wechselausstellungen häufig erweisen. Die Tücke der großen Blockbuster besteht ja gerade darin, dass sie die Betrachter aus den Räumen der ständigen Sammlungen hinausziehen und sie in immer wechselnde Schauen hineinpusten. Die fünf neu eingerichteten Räume in Darmstadts Universalmuseum funktionieren dagegen wie die Rotationsachse einer Zentrifuge: Man durchläuft sie und schwärmt danach sofort in die anderen Abteilungen des Museums aus.

          Wie das? Bestückt ist die Schau fast vollständig aus eigenen Beständen, die den Bogen von der Kunst zu Kunsthandwerk und Wissenschaft schlagen. Ausgangspunkt sind die hundert Tafeln von Haeckels „Kunstformen der Natur“, die nun dicht an dicht an den Wänden hängen. „Die moderne bildende Kunst“, schrieb Haeckel selbstbewusst, „und das moderne, mächtig emporgeblühte Kunstgewerbe werden in diesen wahren Kunstformen der Natur eine reiche Fülle neuer und schöner Motive finden.“ Dass es so kam, ist bekannt, eine ganze Epoche rankte sich aus dieser Publikation heraus, die Formen und Ornamente der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe zeugen davon. Die Mimikry des Jugendstils an das Naturreich dokumentiert die Schau mit ausgewählten Beispielen.

          Die lange Tradition, in der Natur das Künstliche zu sehen

          Origineller aber ist die Vorgeschichte, die in einem Raum erzählt wird. Krüge, die wie Muscheln aussehen? Buchstaben, die aus Tieren gebildet sind? Das gab es schon im fünfzehnten Jahrhundert, wohin einige Objekte und die fantastischen Blätter der Graphischen Sammlung führen, die sogenannten „Ornamentstiche“. Sie stehen für die lange Tradition, in der Natur das Künstliche zu sehen und in der Kunst die Natur. In ihrem Fahrwasser segelte auch Haeckel, auch wenn es vermutlich für immer ein Geheimnis bleiben wird, wie der Sohn eines Potsdamer Regierungsrats, spätere Zoologieprofessor und künstlerische Autodidakt seine vollkommene Könnerschaft erreichte.

          Das Darmstädter Landesmuseum hat jüngst mit der Neugestaltung viel dafür getan, Haeckels Ästhetik auch in den naturwissenschaftlichen Abteilungen aufzugreifen. Die Inszenierung von Organismen vor schwarzem Hintergrund, die Haeckel so meisterlich verstand, zieht sich durch das Museum. Wie ein Korallenriff am Meeresgrund lassen auch die Amethyste, Rubine, Quarze oder Achate die neue mineralogische Vitrine leuchten, die jüngst im ersten Stockwerk aufgestellt wurde. Und damit landet man schon mitten in der wunderbaren ständigen Sammlung des Hauses.

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