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Biennale di Venezia : Utopien von gestern für das Europa von morgen

Auf der Art Biennale Venedig 2019: Zersägtes Motorrad der Künstlerin Alexandra Bircken Bild: dpa

Die Beiträge der Künstler auf der aktuellen Biennale di Venezia scheitern halb und halb brillieren sie. Doch warum? Und was hat das alles mit Joseph Beuys zu tun?

          Um es auf die kürzeste, ungerechte und angreifbare Formel zu bringen: Stärker als je zuvor versagen auf der aktuellen Biennale di Venezia die nationalen Pavillons, während bei den Künstlereinzelpräsentationen in den Hallen des Arsenale und in der zentralen Hauptausstellung der Giardini von denselben Künstlern phantastische Beiträge zu sehen sind. Zweite Behauptung: Dass vieles gelungen ist, liegt an Joseph Beuys.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser hatte 1976 in Venedig seine „Fermata del Tram“ installiert, Schienen, die ihn an die Klever Straßenbahnstation seiner Jugend „Am Eisernen Mann“ erinnerten, mit dem Denkmal des Statthalters Moritz – „dem Eisernen“ – von Nassau nebenan. Aus einer Feldschlange schaute zudem ein gusseiserner Kopf mit den schmerzverzerrten Zügen von Beuys. Inmitten des Pavillons hatte er eine 22 Meter tiefe Bohrung bis auf das Lagunenwasser vornehmen lassen. Die Eisengleise wie auch der roh modellierte Eisenporträtkopf waren auch ohne das Lesen hundertseitiger Gebrauchs- und Verständnisanleitungen als Blick in die eigene Vergangenheit mit allgemeinem Zukunftspotential zu verstehen.

          Der aktuelle Deutsche Pavillon steht in mehrfacher Hinsicht in der Traditionslinie von Beuys’ Haltestelle, nicht nur weil viel Biographisches der Künstlerin Natascha Sadr Haghighian in ihrem Alter Ego „Natascha Süder Happelmann“ steckt. Den in den dreißiger Jahren umgebauten Pavillon hat sie im Inneren durch eine hallenhohe Staumauer geteilt, hinter der Flüchtlinge als Tomatenpflücker auf süditalienischen Feldern durch Erntekisten und Tonbandaufnahmen symbolisiert sind, die sich durch Pfiffe wie Murmeltiere im Gebirge vor der nahenden Gefahr von Polizeikontrollen warnen.

          Rätselhaft und ungedeutet bleiben die fünf Felsblöcke

          Bei der zentralen Staumauer geht es nicht um abgegriffene AfD-Metaphern wie Flüchtlingsflut oder Grenzwälle, sondern um ein utopisches Staudammprojekt Herman Sörgels von 1928. Sörgel wollte für einen Landbrückenschlag zwischen Europa und Afrika Teile des Mittelmeers trockenlegen, was die Beipackzettel-Leseunwilligen nicht verstanden haben und in der Flut der Artikel bislang nur ein Beitrag korrekt einzuordnen vermochte. Rätselhaft und ungedeutet bleiben dabei die fünf Felsblöcke vor dem Staudamm dieser Insel Utopia-Europa, die bis auf einen kleineren Stein im Zentrum alle eine Lache aus eingetrockneter, harziger Flüssigkeit am Rand säumen und bei den Begleitaktionen im Pavillon als Pappmaché-Felsdickkopf auch von der Künstlerin getragen werden. Aus einem Durchlass in der Mauer dringt ein Rinnsal, das gefühlt in Jahrhunderten die Felsbrocken bewegen und erodieren würde.

          Die Konstellation aus Erosion und Energieflüssen durch Staudamm-Stromerzeugung, aber auch das sehr reale Kapital, das durch den Damm versinnbildlicht wird, ist Beuys pur. Haghighian nutzt eine eingängige Materialikonographie wie Beuys mit seinem zeitspeichernden Granit in Kassel oder dem wärmespendenden und dämmenden Fett, Filz und Kupfer, die paradoxerweise individuelle und universelle Identitäten gleichermaßen ausdrücken können.

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