https://www.faz.net/-gqz-9mu86

Venedig-Biennale : Kunst darf schon etwas posten

„Big Wheel“ von Arthur Jafa Bild: AFP

Die Kunst-Biennale in Venedig ist auf Augenhöhe mit der Gegenwart: Klar gibt es Identitätskitsch. Vor allem aber eine zeitgemäße Form der Kommunikation.

          Ach, es ist schon jedes Mal ein schöner Identitätskitsch auf der Biennale von Venedig. Trügt der Eindruck, oder ist es heuer besonders schlimm? Da tanzt eine koreanische Trommelgruppe durch die Giardini, prosten sich Leute in samischen Trachten vor dem finnischen Pavillon zu (denn mit nichts kann ein Land sich so gut vermarkten wie mit seinen Minderheiten). Und die Deutschen stehen in grauer Uniform mit kartoffelförmiger Pappmaché-Maske auf dem Kopf herum und lassen Rosa-Luxemburg-Texte vortragen. Geht natürlich immer und überall darum, Grenzen in Frage zu stellen. Aber am Ende ist man doch erschrocken darüber, wie selbst so ein raffiniert durchdachtes, gewagt antikunsthaftes Konzept wie das von Natascha Sadr Haghighian für den Deutschen Pavillon, vor allem dann, wenn man die ganze tolle Vorgeschichte mit den durchgeskripteten Pressekonferenzen nicht kennt, vor dem Hintergrund des bunten Jahrmarkts der Identitäten vor allem sehr deutsch aussieht.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Was auch den Außenminister nicht zu stören schien, der am Freitag nach seiner Eröffnungsrede, in der er sich Haghighians Infragestellung fester Identitäten einfach zu eigen gemacht hatte, erklärte, wie dankbar er für solche thematischen Vorlagen sei. Jetzt müsse er noch rüber zum Sinti-und-Roma-Pavillon und sein Entsetzen über die Empörungsstürme ausdrücken, die neulich auf zwei Italienerinnen niedergingen, als sie einander küssend den rechtspopulistischen Innenminister fotobombten.

          Man hätte dann doch lieber den Heimatminister Seehofer neben der Kunstfigur Natascha Süder Happelmann gesehen, während deren Helene Duldung genannte Sprecherin ein Manifest der geflüchteten Sudanesen im Auffanglager Osnabrück verlas. Hauptsache, es steht für die nächsten sechs Monate mit dem gewaltigen Betonstaudamm, den Haghighian in den Deutschen Pavillon gegossen hat, unter Beibehaltung aller Spuren der Architekturbiennale vom letzten Jahr, ein ätzendes, auskunftverweigerndes Antimonument im Deutschen Pavillon, das sich mit eingespielten Kompositionen mit Trillerpfeife, dem klandestinen Kommunikationsmittel von Flüchtlingslagerinsassen, gegen die inhaltliche Vereindeutigung der Eröffnungszeremonie sträubt.

          Es ist die Venedig-Biennale, seit die Soft Power des Standortmarketings die gegenseitigen Vernichtungsdrohungen abgelöst hat, mehr und mehr zur Touristikmesse geworden. Das ist der Fluch des nicht enden wollenden 19. Jahrhunderts, das die Welt zur Ausstellung umgestaltete. Heute, da zwar nicht jeder ein Künstler, aber jeder ein Bildproduzent ist, drängen auch alle nach vorne, die früher nur Bild waren. In Arthur Jafas am Samstagmittag mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneter Videoserie „White Album“ in der zentralen Hauptausstellung plärren sie in ihre Webcams, white folks mit unklarem Publikum, die irritiert sind von Schwarzen oder von ihren früheren Rassistenfreunden, und ihren Furor in die Gegenrichtung verkehren, die kritische Kategorie der „White Supremacy“ wieder- und wiederkäuend wie eine bitter schmeckende Wurzel: „Die Geschichte ist weißgewaschen und verfälscht!“, schreit ein viel zu nah an der Kamera klebender aufgedunsener, schlecht rasierter Herr, „Bildung ist weißgewaschen und verfälscht! Geschichte ist weißgewaschen und verfälscht!“

          Fasziniert und angewidert sitzt man vor den schlecht aufgelösten Videoblogbildern und versteht den Abgrund nicht, der sich auftut, wenn ein afroamerikanischer Künstler, der überhaupt erst seit zwei Jahren zu Kunstausstellungen eingeladen wird, Leute, deren Meinung er eigentlich teilen müsste, wie im Genick gepackt ins Gesicht der Betrachter presst. Es spielt eben doch eine Rolle, wer etwas sagt. Und es spielt eine Rolle, wer den Sagenden zeigt. Und wo er das tut. Arthur Jafa erlaubt als eine Art schwarzer Über-Duchamp mit seinen skalpellscharf geschnittenen Collagen fremder Selbstinszenierungen, was Barry Jenkins mit seinen Kinofilmen gelingt: von außen auf nichtschwarze Menschen zu blicken, wie man früher auf Schwarze blickte.

          Weitere Themen

          „The Wild Boys“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „The Wild Boys“

          „The Wild Boys“, 2017. Regie: Bertrand Mandico. Mit: Pauline Lorillard, Vimala Pons, Diane Rouxel. Start: 23.05.2019.

          China als  Readymade

          Ai Weiwei in Düsseldorf : China als Readymade

          An ihm scheiden sich die Geister: Der in Berlin lebende Künstler Ai Weiwei hegt eine Hassliebe zu seiner Heimat China. Jetzt zeigt die Kunstsammlung NRW die unterschiedlichen Phasen seiner Regimekritik.

          Die Highlights vom roten Teppich Video-Seite öffnen

          Filmfestival in Cannes : Die Highlights vom roten Teppich

          Glamouröse Kleider, schicke Anzüge, Schuhprobleme, strömender Regen und ein Heiratsantrag... Auf dem roten Teppich des Filmfestivals in Cannes war in diesem Jahr einiges los. Hier sind die schönsten Momente an der Croisette.

          Topmeldungen

          Angst vor Populisten und der Wunsch nach einer anderen Klimapolitik haben die Menschen in Europa an die Wahlurnen getrieben.

          Die EU hat gewählt : Europas Ängste

          Zu wenig Klimaschutz, zu viel Nationalismus: Wegen dieser Sorgen haben sich viel mehr Bürger an der Europawahl beteiligt. Nicht in allen Ländern wurden die Rechtspopulisten jedoch ausgebremst.

          Europawahl : Volksparteien verlieren Mehrheit im Parlament

          Im Europaparlament werden Christ- und Sozialdemokraten sich erstmals einen Partner suchen müssen. Die Rechte geht aus der Wahl gestärkt hervor, aber die eigentliche Überraschung liegt woanders.
          Ministerpräsident Alexis Tsipras

          Schon Ende Juni : Neuwahl in Griechenland

          Weil seine Regierungspartei Syriza bei der Europawahl schlecht abgeschnitten hat, geht Ministerpräsident Alexis Tsipras in die Offensive: Im Juni soll ein neues Parlament bestimmt werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.