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Barockmalerei im Prado-Museum : Echte Netzwerker brauchen keine nationale Brille

Dieses Bilderpaar gab die Idee für die Ausstellung: Beiden hatte es die asymmetrische Geometrie angetan – beide kannten das Bild des anderen nicht. Bild: Museo Nacional del Prado/Rijksmu

Maler ohne Grenzen: Der Prado in Madrid zeigt mit Velázquez, Rembrandt und Vermeer drei Barockvisionäre, die Europa durch ihre Kunst einten. Ohne sich zu kennen, waren sie einander nahe.

          Der Zeitpunkt für die Ausstellung könnte kaum besser gewählt sein. In Spanien treten die Rechtspopulisten immer selbstbewusster auf. In Madrid will die Vox-Partei ein „Museum der Helden der Nation“ einrichten, die Spanien „groß“ gemacht haben. Im Rathaus der Hauptstadt hat der neue konservative Bürgermeister gerade die Abteilung für die Aufarbeitung der Franco-Zeit geschlossen und avantgardistische Kunstprojekte gestoppt. In Katalonien arbeiten die Separatisten weiter an ihrer unabhängigen Republik, in der alles besser sein soll als im Rest Spaniens. Und in der EU erheben die europaskeptischen Nationalisten ihr Haupt, die die alten Grenzen wieder höher ziehen wollen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Das Madrider Prado-Museum bietet dafür ein Gegengift. „Velázquez, Rembrandt, Vermeer. Miradas afines“, heißt die Ausstellung, die mit nationalen Kunstmythen aus dem neunzehnten Jahrhundert bricht. Sie zeigt, dass der Blick, den spanische und holländische Künstler auf Europa hatten, viel mehr Gemeinsames als Trennendes hat. Die meisten dieser Maler aus dem siebzehnten Jahrhundert sind sich nie begegnet. Die wenigsten kannten die Werke und das Land der anderen. Trotzdem waren sie vor allem Europäer: Kunst hatte für sie keine Grenzen.

          Die Ausstellung zeigt: der Blick, den spanische und holländische Künstler auf Europa hatten, hatte mehr Gemeinsames als Trennendes.

          Enge Verbundenheit von Kunst und Volk

          Daran änderte auch der spanisch-niederländische Krieg nichts, der achtzig Jahre lang immer wieder aufflammte. Diego Velázquez mit seiner „Übergabe von Breda“ und Rembrandt mit der „Nachtwache“ hatten auch nationale Propagandakunst gemalt. Die niederländische Unabhängigkeit von Spanien führte dazu, dass viele Kunsthistoriker die Einzigartigkeit der holländischen Malerei überbetonten: Die neue Nation fand nach ihrer Ansicht Ausdruck in einer nationalen Kunst. Hegel nennt in seinen „Vorlesungen über die Ästhetik“ die holländische Malerei des siebzehnten Jahrhunderts ein Paradebeispiel dafür, wie eng Kunst und Volk verbunden sind.

          Dem Sieg des niederländischen David über den spanischen Goliath im Unabhängigkeitskrieg widmet die Ausstellung in Madrid aber bewusst nur einen der kleinsten Räume. Der Ansatz ist bestechend einfach. Man muss nur Holländer wie Frans Hals und Carel Fabritius und Spanier wie El Greco, Francisco de Zurbarán und Bartolomé Esteban Murillo nebeneinanderhängen, um festzustellen, dass die nationale Brille nichts taugt. Rembrandt, Vermeer und Velázquez sind eben nicht primär der Inbegriff des Wesens ihrer Nation.

          Holländer wie Spanier hatten einen gemeinsamen Modegeschmack und eine Vorliebe für die Farbe Schwarz.

          „Die Einheit europäischer Kultur“

          „Als würde ein bestimmter Ort das Wesen der Malerei ausmachen“, sagt der Prado-Kurator Alejandro Vergara. Für ihn stehen ihre Bilder für „die Einheit der europäischen Kultur“. Europa sei eine Art supranationales „Netzwerk“, über das sich Ideen und Informationen in alle Richtungen verbreiten. So teilten die Maler in Spanien und Holland die Faszination für neue Ideen und Techniken, die aus Flandern und besonders aus Italien kamen. Kultur und Lebensstil sind für Vergara wie in einem „gemeinsamen Teppich“ verwoben. Dieses Thema nimmt der erste Saal wörtlich.

          Holländer wie Spanier hatten einen gemeinsamen Modegeschmack und eine Vorliebe für die Farbe Schwarz. Vom burgundischen Hof, aus dem Karl V. stammte, kamen die schweren Roben und die ausladenden weißen Kragen. Die holländische Führungsschicht trug sie auch weiter, nachdem sie begonnen hatte, gegen die spanische Herrschaft zu rebellieren. In Schwarz gekleidet ließen sich Holländer und Spanier porträtieren. Die Maler hatten sichtlich Vergnügen daran, die Schattierungen und unterschiedlichen Stoffe herauszuarbeiten. Umso stärker ließ die Kleidung die Gesichter zur Geltung kommen.

          Man muss nur Holländer wie Frans Hals und Carel Fabritius und Spanier wie El Greco nebeneinanderhängen, um festzustellen: Rembrandt, Vermeer und Velázquez sind nicht primär der Inbegriff des Wesens ihrer Nation.

          Viele Parallelen 

          Meisterhaft ist das zum Beispiel Aert Pietersz in seiner „Anatomiestunde des Doktor Sebastiaen Egbertsz“ gelungen, in der dreißig aufmerksame Männer die Sezierung eines Leichnams verfolgen. Etwas weicher zeichnet Rembrandt die Gesichtszüge seiner „Vorsteher der Tuchmacherzunft“. Sie blicken nur kurz auf, als hätte der Betrachter sie bei ihrer Arbeit gestört. Ihre Blicke erinnern an „Las Meninas“, die „Hoffräulein“ von Velázquez, die am angestammten Platz in der Hauptgalerie des Prados blieben.

          Die meist in Paaren nebeneinandergehängten Holländer und Spanier haben noch viel mehr Parallelen. Ihre Götter, Heiligen und Philosophen charakterisieren sehr menschliche Züge. Sie tragen alltägliche Gewänder und ihre Umgebung ist sehr weltlich. In Madrid präsentiert man das als „realistische Fiktion“. Holländer und Spanier waren von diesem Naturalismus noch fasziniert, als Künstler in Italien und Frankreich sich davon schon wieder abwandten. Sie blieben aber nicht stehen: Rembrandt zeichnete einen leicht verwirrt wirkenden Apostel Paulus mit seinen eigenen Zügen. Bei Velázquez hat der ironisch blickende antike Schriftsteller Menippus seine Bücher auf dem Boden ausgebreitet.

          Lebendig und weltoffen

          Das Bilderpaar, das die Idee für die Ausstellung gab, ist klein, eindringlich und unspektakulär. Es sind Vermeers Delfter „Sträßchen“ und Velázquez’ „Im Garten der Villa Medici in Rom“. Die Menschen sind klein und spielen eine Nebenrolle. Beiden Künstlern hat es die asymmetrische Geometrie der eigentlich bedeutungslosen Bauten angetan. Ihre Gemälde entstanden im Abstand von dreißig Jahren; sie kannten das Bild des anderen nicht.

          Die zweiundsiebzig Werke aus dem Prado, dem Amsterdamer Rijksmuseum und von fünfzehn weiteren Leihgebern regen zu einem neuen Blick an – wie auch die beiden anderen Sonderausstellungen des Prados zu seinem zweihundertsten Jubiläumsjahr. Fra Angelico kann man ein Stockwerk höher dabei beobachten, wie er mutig experimentierend in die Renaissance aufbricht. In der Hauptgalerie bewegen sich achtzehn Figuren von Alberto Giacometti und treten in den künstlerischen Dialog mit den wichtigsten Werken von Velázquez, Tizian und Zurbarán. Selten war das alte Madrider Nationalmuseum damit so lebendig und weltoffen wie derzeit.

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