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Kommentar : Van Gogh als Facebook-Event

  • -Aktualisiert am

Jennifer Thompson, Kuratorin im Philadelphia Museum of Art, neben Van Goghs Sonnenblumen während der Facebook-Liveübertragung. Bild: AP Photo/Matt Rourke

Facebook wollte in einem virtuellen Ausstellungsraum fünf Werke van Goghs wiedervereinen – und sich selbst als Kunstplattform präsentieren. Es ist ein Versuch zwischen Hochkultur und Hemdsärmeligkeit.

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          Ein Dutzend Ölbilder leuchtender Sonnenblumen wollte Vincent van Gogh im August 1888 malen, um das Gastzimmer für Paul Gauguin in Arles zu schmücken, wo er mit dem Freund ein Atelier teilen zu können hoffte. Bis zu Gauguins Ankunft waren zwei Bilder fertig, fünf weitere entstanden später. Von diesen sieben sind heute fünf auf Museen rund um die Welt verteilt; eines befindet sich in einer amerikanischen Privatsammlung, eines verbrannte im Zweiten Weltkrieg in Japan.

          Das Schicksal der Ateliergemeinschaft ist Legende: Die Maler stritten leidenschaftlich, und als van Gogh sich unter nie geklärten Umständen ein Ohr abschnitt, reiste Gauguin erschrocken ab. Das und viele weitere interessante Dinge waren am Montagabend auf der Spionageplattform Facebook zu lesen, wo die Sonnenblumen Anlass für die Bildung einer weit größeren Gemeinschaft gaben: Erstmals sollten die fünf Werke wieder vereint werden, in einem virtuellen Ausstellungsraum und in einer Vortragsstaffel über das Format „Facebook Live“. Um 18.50 Uhr wollte die National Gallery in London den Anfang machen, auf ihrer Facebook-Seite meldeten sich Gäste aus aller Welt gespannt zu Wort, nur der Stream wollte nicht starten, bis ein Nutzer einen neuen Link teilte.

          Der Kurator Christopher Riopelle befand sich, vor bekanntem Motiv postiert, schon mitten im freien Vortrag, der davon handelte, wie man mit möglichst vielen Themensprüngen am Reden bleibt. Anschließend musste man zur Facebook-Seite des Van-Gogh-Museums in Amsterdam wechseln, wo nach fünfminütigem Handlungsloch der immer charmante Direktor Axel Rüger vor allem auf den bereits gehaltenen und die noch folgenden Vorträge verwies. Die Münchner Pinakothek der Moderne bot eine wissenschaftliche Mitarbeiterin auf, deren größte Begeisterung wohl dem Ereignis selbst galt, dem sie allerdings mit ihrem in Zeitlupe abgelesenen Referat nicht ganz zu entsprechen wusste. „Jennifer“, schloss sie, „wie steht es mit euren Sonnenblumen? Sehen sie so aus wie unsere?“

          Jennifer Thompson vom Philadelphia Museum of Art riss das Ruder mit einem schnörkellosen, tief in die Farbschichten führenden Vortrag herum, bevor die Veranstaltung verblich wie das Gesicht der nuschelnden Chefkuratorin Shôko Kobayashi vom Seiji Togo Memorial Sompo Japan Nipponkoa Museum of Art abseits des Scheinwerferkegels. Nun eignet sich das Medium Fernsehen ja ganz hervorragend für die Auseinandersetzung mit Kunst, den gelenkten Blick, die Konzentration aufs Detail, die Einordnung durch den Schnitt. Schade nur, dass die Institutionen glaubten, für ein bisschen traffic die fokussierte Regie, die ja ihre Stärke sein müsste, zugunsten des Amateurniveaus aufgeben zu müssen, das den Reiz von „Facebook Live“ ausmacht.

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