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Valie Export in Berlin : Das Bild der Frau aus anderer Sicht

Die Österreicherin Valie Export ließ sich von der Frauenbewegung der Sechziger- und Siebzigerjahre inspirieren – und umgekehrt. Bild: Violetta Wakolbinger

Die Werke von Valie Export, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Medien- und Performancekunst, gelten als Dokumente der Frauenbewegung. Jetzt wird ihr Archiv in Berlin ausgestellt.

          Wie stellt man ein Archiv aus? Und wozu? Haben wir es mit einer hybriden Form zu tun, die das, was zunächst zur Benutzung und später einmal zur Erforschung gedacht war –, die Sammlung von Ideen, verstreuten Inspirationsquellen, Werkteilen, Vorarbeiten, Nebenerzeugnissen und so weiter – in eine Form bringt, die mehr ist als ebendies: ein Archiv? Ein Archiv ist etwas Lebendiges, es verändert sich, seine Form variiert, es wird im Lauf der Zeit ergänzt, zusammengefügt, neu sortiert, entrümpelt. Gewinnt es in der festen Form einer Ausstellung einen neuen Sinn und eine ästhetische Dimension hinzu? Und was unterscheidet die Ausstellung eines Archivs dann von einer Retrospektive?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das sind Fragen, die sich auch in der Ausstellung „Valie Export. Forschung – Archiv – Werk“ in Berlin stellen, die Sabine Folie in Zusammenarbeit mit der Künstlerin im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) zusammengestellt hat. Sabine Folie hatte im vergangenen Jahr bereits die Schau „Valie Export – Das Archiv als Ort künstlerischer Forschung“ in Linz kuratiert, in der Dokumente, Skizzen, Briefe, Fotos und Notizen aus mehr als fünfzig Jahren aus dem Vorlass der Künstlerin gezeigt wurden, den diese ihrer Heimatstadt Linz überlassen hat.

          Es gibt eine Menge zu lesen

          Die Berliner Schau ist eine Erweiterung dieser Ausstellung, und wenn man den offenen Raum im Erdgeschoss des n.b.k. betritt, wird auf den ersten Blick klar, was ihr neuer Titel bedeutet: Es gibt eine Menge zu lesen, an den Wänden, in zahlreichen Vitrinen, in denen handschriftlich beschriebene Blätter liegen, Aufzeichnungen, Briefe, Entwürfe, Katalogtexte, Projektentwürfe, Essays, Tagebucheinträge.

          Es bedeutet auch, dass sich Töne und Sätze aus dem Film „Syntagma“, der im Zentrum der Ausstellung steht, oder dem Video „Raumsehen/ Raumhören“, das in einer offenen Nische läuft, im Saal ausbreiten und einen Hintergrundsound und somit einen Zusammenhang erzeugen zwischen Werken, Skizzen und Reflexionen, die teilweise mit weitem Abstand voneinander über die letzten fünfzig Jahre entstanden sind. Auf Monitoren flackern andere Arbeiten, darunter die berühmten Videos „Body Tape“, „Fingergedicht“ und „Ein Hauchtext“, diese allerdings ohne Ton, den man sich über Kopfhörer dazuholen kann.

          Ein Archiv ist etwas Lebendiges, es verändert sich. Gewinnt es in der festen Form einer Ausstellung neuen Sinn?

          Mit diesen Videos hat Valie Export über die Themen „touching“, „walking“, „boxing“ und ähnliche in „Body Tape“ erst die Sprache des Körpers erkundet, um sie sodann in „Fingergedicht“ und „Hauchtext“ poetisch einzusetzen. Diese Arbeiten aus der ersten Hälfte der Siebziger wirken heute, gerade im Zusammenspiel mit anderen Werken dieser Künstlerin, die den weiblichen Körper thematisieren, wieder ebenso radikal, wie sie damals empfunden wurden: als eine Art Rückeroberung des eigenen Körpers und seiner Artikulationsmöglichkeiten – damals, zu Beginn der umfassenden Medialisierung der Öffentlichkeit eine ebenso politische Veranstaltung wie heute.

          Man kann die Kunst der Valie Export, die als eine der bedeutendsten und einflussreichsten Persönlichkeiten von Performance-, Medien- und Filmkunst gelten muss, als Dokumente der Frauenbewegung der Sechziger und Siebziger sehen. Insofern wäre das Archiv ein historisches. Aber die Kunst der Valie Export (die sich unter diesem Künstlernamen als Marke und Stempel erfand) ist eben nicht nur dies, ihre Werke nicht nur als Dokumente zu sehen, nicht nur zeitgebunden. Auch das macht diese Ausstellung deutlich.

          Hose ohne Schritt

          Es ist eine Ausstellung für Leute, die nicht darauf aus sind, mit einem kurzen Blick auf bewegte Bilder bereits zu erfassen, worum es hier eigentlich geht. Für Menschen, die nicht nur gern lesen, sondern sich auch in ein wandfüllendes Diagramm versenken wollen, das, wie Sabine Folie im begleitenden Booklet schreibt, „abstrakte, verborgene, in verschiedenen Dimensionen verzweigte Inhalte des Archivs vermitteln und die persönlichen Gedanken der Künstlerin zum Archiv als Teil der künstlerischen Praxis veranschaulichen“ soll.

          Obwohl die Aktionen ihre Wirksamkeit oft durch plakative Simplizität erzielten – wenn sie etwa 1968 ihren damaligen Partner Peter Weibel an der Hundeleine durch die Wiener Kärntner Straße führte, um die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern zu karikieren, oder in einer Hose, aus der sie den Schritt herausgeschnitten hatte, ins Kino ging –, ist das Werk von Valie Export alles andere als eindimensional.

          Der Körper als Medium von Kommunikation, zugerichtet durch gesellschaftliche Zuschreibungen und Regularien, widerständig aber auch gegenüber Abstraktionen – das ist von früh an ihr Thema, verbunden mit den sogenannten zivilisatorischen Prozessen, die diesen Abstraktionen vorausgehen. Kein Wunder, dass sie Feministin war. Und klar sah, wie das Bild der Frau von Männern als „Ingenieuren der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ entworfen und perpetuiert wurde, und wie ärmlich der Ort ausgestattet war, den die Kunstgeschichte den Künstlerinnen zuwies. Auch um den Spuren zu folgen, die Valie Export gelegt hat, um in eine andere Richtung zu gehen, ist ihr Archiv gut.

          Valie Export. Forschung – Archiv – Werk. Im n.b.k. Berlin; bis zum 9. August. Kein Katalog.

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