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Valie Export zum Siebzigsten : Genitalpanik im Kino

  • -Aktualisiert am

Sie stellte ihre Brüste aus und rollte nackt über Glasscherben. Mit ihren „Werken zum Anfassen“ hat die Künstlerin Valie Export Pionierarbeit geleistet. An diesem Montag wird die Österreicherin 70 Jahre alt.

          „Valie Export“ existiert seit 1967 und ist eigentlich ein künstlerisches Konzept und Logo, das in Versalien geschrieben werden sollte. Die Künstlerin Valie Export wurde in Linz als Waltraud Lehner geboren. Nach einer Ausbildung in Textildesign nahm ihre künstlerische Entwicklung eine Wende, als sie dem damaligen Künstler und heutigen Kurator und Kritiker Peter Weibel in Wien begegnete.

          Gemeinsam mit anderen Künstlern gründeten sie 1967 die „Austrian Filmmakers Cooperative“ und schufen im Dunstkreis des „Wiener Aktionismus“ eine Reihe von Arbeiten, die heute zweifellos ikonischen Status haben: Zwischen 1967 und 1972 entstanden bekannte Werke wie der „Tapp- und Tastfilm“, bei dem Weibel Passanten in der Fußgängerzone von München (anlässlich des ersten Internationalen Treffens Unabhängiger Filmemacher 1968) aufforderte, Valie Exports Brüste - verborgen in einem aus Pappkarton gebauten Fernseher (dem Aktionsobjekt „Tapp- und Tastkino“), den sie umgeschnallt hatte - für ein paar Sekunden anzufassen. Männer, die sonst anonym im Pornokino Frauen auf der Leinwand mit ihrem Blick „beherrschten“, sollten sich mit einer realen Frau „und der Haut als Leinwand“ auseinandersetzen.

          Der Körper als Kunstfläche

          Das Konzeptblatt zur Arbeit bezeichnete diese feministische Kritik als: „1. Tapp- und Tastfilm, 1. Mobile Film, 1. Strassenfilm und 1. Echte Frauen-Film“. Für die Arbeit „Aktionshose: Genitalpanik“ von 1968 ging sie mit einer Jeans, aus der im Schritt ein großes Loch ausgeschnitten war, durch die Sitzreihen im Stadtkino München und forderte die Zuschauer zum Anfassen auf, um der medialen die echte Frau gegenüberzustellen - allerdings war es in dem Kino so dunkel, dass die ahnungslosen Besucher kaum etwas sehen konnten. Später posierte sie mit der Hose, zerzaustem Haar und einem Maschinengewehr für die heute berühmte Fotoserie.

          In ihren Arbeiten der Werkgruppe „Erweitertes Kino“ wurde die Filmwirklichkeit in die reale Welt erweitert: Sie beschritten konzeptuelles Neuland und gelten heute als Pionierarbeiten der Medienkunst. In einem Klima, das radikale österreichische Künstler als kleinbürgerlich und verlogen empfanden, sollten sie nicht nur die Illusion des Bildschirms vor Augen führen, sondern auch die Grenzen gesellschaftlicher Konvention durchbrechen. Ihren Körper setzte Valie Export oft in radikaler und manchmal schmerzhafter Weise ein. Bei der Experimenta 4 in Frankfurt 1971 rollte sie für „Eros/ion“ nackt über Glasscherben, für „Body Sign Action“ ließ sie sich ein Strumpfband auf den Oberschenkel tätowieren. Später beschäftigte sie sich mit dem Raum und der menschlichen Sprache als Referenzpunkten ihrer Medienkunst.

          Eine feste Größe im „Betriebssystem Kunst“

          Seit Mitte der siebziger Jahre verwirklichte sie mehrere Filmprojekte und nahm 1977 und 2007 an der Documenta in Kassel sowie 1980 an der Biennale in Venedig teil. Insgesamt entwickelte sie jedoch deutlich weniger Werke; ihnen fehlte außerdem das Subversive und der Pioniergeist ihres Frühwerks. In der Entwicklung ihres Werks greift Valie Export immer wieder auf eigene Ideen zurück, um sie durch neue Kombinationen mit verschiedenen Medienformen zu „Medialen Anagrammen“ zusammenzusetzen, die als Angriff auf passive, unbewusste und damit kritiklose Weltannahme zu verstehen sind.

          Ein Höhepunkt in den jüngsten Jahren war sicherlich, dass sie 2009 mit Silvia Eiblmayr den österreichischen Pavillon der Biennale in Venedig kuratieren durfte. Aus der einstigen, radikalen Grenzgängerin Valie Export ist jetzt eine feste Größe im „Betriebssystem Kunst“ geworden. An diesem Montag feiert Valie Export ihren siebzigsten Geburtstag.

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