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Uruk-Ausstellung in Berlin : Solcher Art ist das Werk der Menschen

Vor fünftausend Jahren war die Stadt Uruk am Euphrat im heutigen Irak die größte Metropole der Welt. Wie es kam, dass dort die Schrift und andere Kulturgüter erfunden wurden, zeigt eine Ausstellung in Berlin.

          Man stelle sich ein Flussdelta vor. Eine weite Ebene aus Schwemmland und Sümpfen mit einzelnen trockenen Inseln darin, kleinen Erhebungen, auf denen Schilfhütten stehen, daneben Ankerplätze für Boote und umzäunte Weiden für Ziegen und Schafe. Dann ändert sich das Klima. Die jährlichen Überschwemmungen bleiben aus, die Sümpfe fallen trocken, das Schwemmland wird urbar.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Gerste und Einkorn werden angebaut, Bewässerungskanäle gegraben, Ochsen ziehen die Pflüge, Dorfgemeinschaften bilden sich. Manche Dörfer schließen sich zu größeren Einheiten zusammen, in denen sich, begünstigt durch die Lage an zentralen Wasserwegen, die Wirtschaftskräfte der Umgebung konzentrieren. Landflucht setzt ein. In den Großsiedlungen entstehen Tempel und Paläste, Märkte werden eingerichtet, Wälle wehren Angreifer ab.

          Die eine Stadt und ihre Geschichte

          So beginnt die Geschichte der erfolgreichsten Form menschlichen Zusammenlebens: der Stadt. Und so geschah es im vierten Jahrtausend vor Christus im Schwemmland am Unterlauf der Flüsse Euphrat und Tigris, im Siedlungsgebiet jener Leute, die von ihren Nachbarn Sumerer genannt wurden. Die größte Stadt der Sumerer aber war Uruk.

          Die Ausstellung „Uruk - 5000 Jahre Megacity“ des Vorderasiatischen Museums im Berliner Pergamonmuseum ist kein Pionierprojekt. Wanderausstellungen zu den Künsten und Kulten Mesopotamiens hat es schon viele gegeben, zuletzt in Washington, Melbourne, Hongkong. Das Einmalige der Berliner Schau liegt in ihrer Beschränkung. Es geht nicht um die vielen Städte von Sumer, nicht um Ur, Umma, Isin, Kisch, Lagasch, Nippur und Eridu, sondern um die eine Stadt und ihre Geschichte.

          Vor hundert Jahren hat die Deutsche Orientgesellschaft begonnen, die Ruinenhügel im Südirak auszugraben, nach dem Zweiten Weltkrieg setzte das Deutsche Archäologische Institut die Arbeiten fort, seit den achtziger Jahren werden fast nur noch Vermessungen durchgeführt. Die Wohnviertel Uruks, die Geheimnisse seiner frühen Blütezeiten liegen nach wie vor in der Wüstensteppe vergraben, die jetzt von schiitischen Milizen kontrolliert wird.

          Und doch ist das historische Panorama der Stadt, wie es im Pergamonmuseum gezeigt wird, komplett, weil es die drei entscheidenden Motive ihrer Entwicklung nachzeichnet: Die Schrift. Die Religion. Und den Handel.

          Gilgamesch und seine Abenteuer im Epos

          Alles beginnt mit Gilgamesch. „Sieh an seine Mauer, wie ein Faden ist die Umfassung! / Betrachte die Verkleidung, die niemand nachahmen kann! / Prüfe das Fundament, besieh’ das Ziegelwerk! / Ob ihr Ziegelwerk nicht aus Backsteinen ist, / Ihren Grund nicht legten die sieben Weisen!“ Der echte Gilgamesch, vermutlich ein Herrscher aus der ersten Königsdynastie von Uruk, ist schon ungefähr tausend Jahre tot, als seine Taten um 2000 vor Christus erstmals schriftlich fixiert werden. Dennoch treffen im Gilgamesch-Epos, das für Mesopotamien und Babylon so wichtig war wie Homer für die Griechen, wie in einem Brennglas alle Linien der Stadtwerdung Uruks zusammen.

          Etwa die Handelsreise, die Gilgamesch und sein Gefährte Enkidu ins Zederngebirge des Libanon unternehmen, wo sie den Waldkönig Humbaba erschlagen (in frühen Fassungen des Epos bleibt er am Leben und wird zum Geschäftspartner der beiden). Oder die Lockungen der Liebesgöttin Inanna alias Ischtar: „Komm, Gilgamesch, du sollst mein Gatte sein! Schenk, o schenk mir deine Fülle!“ Und schließlich die neun Kilometer lange Mauer, die eine um das Ischtar-Heiligtum herum gewachsene Metropole von achtzigtausend Einwohnern umschloss, die größte bekannte Stadt der damaligen Welt.

          Um die Millionen von Lehmziegeln zu formen, aus denen die Wälle und Heiligtümer errichtet, und die buntfarbigen Kacheln und Tonstifte zu brennen, mit denen sie verziert werden, müssen Arbeiter geworben und verpflegt werden. Die Exportgüter Uruks, vor allem Wolle und Getreide, die gegen Edelsteine aus Iran und Arabien, Zedernholz aus Syrien und Kupfer aus dem Zagrosgebirge gehandelt werden, brauchen Eigentums- und Mengenbezeichnungen. Bald reichen die Stempel- und Rollsiegel, mit denen schon die frühen sumerischen Produzenten ihre Waren markieren, nicht mehr aus.

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