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Unesco : Höhenangst am Kölner Dom

Zum ersten Mal ist eine der dreißig Weltkulturerbestätten in Deutschland auf die rote Liste der Unesco gesetzt worden. Die Indexierung des Kölner Doms ist in der Stadt wie eine Bombe eingeschlagen.

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          Was haben die persische Stadt Bam und der Kölner Dom gemeinsam? Beide stehen seit diesem Montag, so hat das Komitee der Unesco auf seiner Tagung im chinesischen Suzhou beschlossen, auf der "roten Liste" jener Weltkulturerbestätten, die es als "besonders gefährdet" ansieht (F.A.Z. vom 6. Juli).

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Was in Iran das schreckliche Erdbeben vom Dezember 2003 geschafft hat, das schaffen am Rhein die Pläne einer Stadtentwicklung, die der 157 Meter hohen gotischen Kathedrale am anderen Flußufer mehrere Hochhäuser von 103 bis 140 Meter Höhe als "modernes" Pendant gegenüberstellen möchten. Es ist das erste Mal, daß eine der inzwischen dreißig Weltkulturerbestätten in Deutschland auf diesen Index gesetzt wird, der derzeit dreiunddreißig Positionen enthält. Nur eine einzige weitere liegt in Europa: die Ruinenstadt Butrint in Albanien, die 1997 geplündert worden ist.

          „Herausragender universeller Wert“

          Der Antrag zu dieser Entscheidung wurde, so wird aus der deutschen Delegation berichtet, einstimmig getroffen, wobei sich ihm viele Mitglieder des Komitees "in außergewöhnlich scharfer Form" angeschlossen und die geplanten Gebäude als existentiellen Eingriff in den "herausragenden universellen Wert" gewertet hätten, den der Dom als eine der prominentesten Stätten der Weltkulturerbeliste darstellt. Ausdrücklich wurde bedauert, daß der Vorgang sich gerade in Deutschland, einer der Ursprungsnationen des Denkmalschutzes, ereigne.

          Die Indexierung des Wahrzeichens hat in Köln wie eine Bombe eingeschlagen, die sofort in die ortsübliche Verpackung aus Zweckoptimismus und Dickfelligkeit gewickelt wurde. Dabei äußerte das Metropolitankapitel der Hohen Domkirche in einer von Dompropst Norbert Feldhoff und Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner unterzeichneten Stellungnahme nicht nur sein Befremden darüber, daß die Vertreter von Icomos, dem Gremium, das die Unesco in Fragen des Weltkulturerbes berät, nie mit ihm gesprochen hätten, sondern auch sein Bedauern über die Stadt, die "bei der Planung für die Hochhausbebauung in Deutz wenig Rücksichtnahme auf den Dom zeigte und ein Experten-Hearing erst einberief, als alle Entscheidungen gefallen waren" (F.A.Z. vom 29. November 2003).

          Drohung nicht ernst genommen

          Sowenig die Kommune es bisher für nötig erachtete, die Kirche in ihre Entwicklungspläne einzubeziehen, so wenig hat sie die Drohung des Eintrags in die "rote Liste" wirklich ernst genommen. Nicht einmal jetzt, da er vollzogen ist und einen gewaltigen Imageschaden anrichtet, scheint die Stadtspitze dazu bereit. Wie anders ist die Mischung aus Trotz und Rechtfertigung, Pauschalisierungen und Platitüden, Kleinkrämergeist und Lokalpatriotismus zu verstehen, die die Reaktion von Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) kennzeichnet?

          Die Plakette für das Weltkulturerbe habe, so schwadronierte er im Fernsehen, nur Geld (übrigens nicht der Stadt, sondern der Kirche) gekostet und bislang nichts gebracht. Die wenigsten Menschen hätten sie überhaupt wahrgenommen, es dürfe einer Stadt doch nicht verboten werden zu expandieren, schließlich hätten das Leute entschieden, die "grundsätzlich gegen Hochhäuser" seien. Auch mokierte sich Schramma, kaum verhohlen chauvinistisch, darüber, daß ein Libanese - er hatte in Suzhou die Debatte eröffnet - Kritik an Köln übe. Für den Dom gebe, so das Stadtoberhaupt, der Kölner sein "letztes Hemd". Aber, so steht zu befürchten, die Investoren der Immobilienfonds, die die Hochhäuser finanzieren, nicht auch einen Teil der versprochenen Rendite.

          Köln ist sein eigener Maßstab

          Der Dom ist Weltkulturerbe, ob die Unesco ihn offiziell so einstuft oder nicht, lautet denn auch die vom OB ausgegebene Generalreaktion auf die internationale Kritik. Der Titel "Weltkulturerbe" wird gerne und stolz angenommen, sobald sich daraus Nachteile oder Pflichten ergeben, aber dessen Wert grundsätzlich in Abrede gestellt. In diesem Mechanismus, dem zufolge Köln wenn nicht die Welt, so doch sein eigener Maßstab ist, artikuliert sich jene Selbstgefälligkeit, in der das Dilemma der hiesigen Kommunal- und Kulturpolitik gründet.

          Anders als vor zwei, drei Jahrzehnten noch paart sie sich in der alten Colonia inzwischen mit einer Geringschätzung gegenüber der Geschichte: Längst scheint vergessen, daß nach dem Zweiten Weltkrieg unter Leitung der umsichtigen Stadtkonservatorin Hanna Adenauner beschlossen wurde, die zerstörte Stadt auf dem alten Straßengrundriß und mit den überlieferten Traufhöhen wieder aufzubauen.

          Der Organismus der Stadt

          Es geht in Köln, da greift selbst das Monitum der Unesco zu kurz, nicht "nur" um "die visuelle Integrität des Doms und die einzigartige Stadtsilhouette", es geht auch nicht "nur" um Sichtachsen und Blickbezüge, es geht um nichts weniger als um den Organismus der Stadt, um ihre Erneuerung und Entwicklung aus ihrem historischen Erscheinungsbild.

          Behutsame Stadtreparatur, wie sie gerade - verspätet, aber vorbildlich - etwa auf der Nord-Süd-Fahrt mit dem neuen Kaufhaus von Renzo Piano erfolgt (man stelle sich vor, hier würde ein Hochhaus errichtet!), tut not. Dieser Respekt gegenüber der Geschichte, der nichts mit Fortschrittsfeindlichkeit oder gar Expansionsblockaden - eine halbhohe, Räume bildende Stadterweiterung in Deutz wäre die entschieden größere Herausforderung - zu tun hat, ist der Weg, auf dem Köln seine Einzigartigkeit und seine Attraktivität (auch für Unternehmen) bewahren kann.

          Doch dafür müßten die Kölner den Mut finden, sich mit München oder gar Paris, wo das Ineinssetzen von Hochhäusern und Modernität längst als anachronistisch erkannt ist, zu vergleichen, und ihre provinzielle Selbstgenügsamkeit überwinden.

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