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Umzug der Gemäldegalerie : Lasst diese Fülle nicht verkümmern

Der erbitterte Streit um die Zukunft der Berliner Gemäldegalerie geht weiter: Die Planer berufen sich auf den legendären Museumsmann Wilhelm von Bode. Aber verstehen sie ihn auch? Ein Ortstermin.

          An diesem Augustnachmittag steht vor dem Bodemuseum keine Warteschlange. Man tritt durch die neubarocken Portalbögen, entrichtet seinen Obolus an der Kasse und steht auch schon in der großen Kuppelhalle des kaiserlichen Hofarchitekten Ernst von Ihne, deren Treppenflügel dem Museumsgründer Wilhelm von Bode so viel Kummer machten. Die beiden Treppen ins Obergeschoss, zwischen denen Schlüters Reiterstandbild des Großen Kurfürsten in einer Bronzekopie von 1904 auf hohem Sockel Wache hält, drehen sich vom Museumseingang weg, sie scheinen „aus dem Bau gleich wieder hinauszuführen“, wie Bode in seinen Lebenserinnerungen klagt. Und das war nur eine seiner vielen Beschwerden. Heute aber macht sein Haus den Besucher glücklich, denn es ist so eingerichtet, wie es sich sein erster Direktor nie hätte träumen lassen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Passant wird hier zum staunenden Pilger. Durch den Kameke-Saal, in dem vier Großplastiken Schlüters aus einer im Bombenkrieg zerstörten Stadtvilla zu sehen sind, gelangt man in die Basilika, das Allerheiligste der Renaissancekunst. In der Neufassung von 2006 ist Bodes Museumsvision der Zusammenstellung von Bildern, Skulpturen, Mobiliar und Kleinkunst einer Epoche auf ihren Kern reduziert. Keine Truhen, Leuchter oder Vasen, sondern nur Gemälde, Terrakotten, Figuren und Reliefs stehen in den acht Wandnischen und neben dem Ostportal: eine „Auferstehung“ und eine „Heilige Dorothea“ von Andrea della Robbia, ein Madonnen-Tondo seines Sohnes Marco, das berühmte Kreuzigungs-Ensemble von Antonio Begarelli, dazu passende Altarbilder von Renaissancemeistern, deren Ruhm hinter dem Glanz Botticellis und Mantegnas verblasst ist.

          Der „einzig richtige Ort“?

          Die Basilika ist eine Kirche der Kunst und zugleich eine Art zweites Museumsfoyer. Von hier aus öffnen sich die Wege zu den Reichtümern der Berliner Skulpturensammlung, die trotz Kriegsverlusten und Brandschäden noch immer zu den bedeutendsten Europas, ja der Welt gehört und seit sechs Jahren in Ihnes Dreiflügelbau ein scheinbar endgültiges Domizil gefunden hat. Links geht es zu den Meistern der deutschen, französischen und italienischen Gotik, rechts zu den großen Bildhauern des fünfzehnten bis achtzehnten Jahrhunderts, zu Donatello, Bernini und Canova, zu Mino da Fiesole und Desiderio Settignano, die durch die Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ gerade wieder neu entdeckt worden sind. Darüber, im Obergeschoss, stehen die Holzschöpfungen von Tilman Riemenschneider, die spätgotischen Bildwerke aus Brüssel und Brabant, die barocken Heiligen des Martin Zürn, die Büsten von Houdon und Bouchardon. Es ist ein Haus des Überflusses, in dem zugleich ein sinnvolles Maß herrscht, eine in den Raum gebaute Enzyklopädie, die keinen Entwicklungsschritt, keinen wichtigen Namen in der Geschichte der abendländischen Skulptur auslässt.

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