https://www.faz.net/-gqz-72apj

Umzug der Gemäldegalerie : Lasst diese Fülle nicht verkümmern

Wertvolle Distinktionen

Samuel Beckett, der die Berliner Museen im Jahr 1936 besuchte, hielt sich mit dem „Higgledy-piggledy“, dem Durcheinander auf der Museumsinsel, nicht lang auf. Lieber betrachtete er die niederländische Malerei: „Ich gäbe alle Rembrandts für den kleinen Brouwer-Hirten am Weg, der die Schalmei bläst.“ Bei der „konzentrierten“ Präsentation der Gemäldegalerie im Bodemuseum, wie sie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz plant, käme Adriaen de Brouwers „Dünenlandschaft im Mondschein“ vermutlich ins Depot.

Aber die „period rooms“, die Kunstkabinette im Geiste Bodes, hätten doch, so heißt es, überall Schule gemacht. Allerdings ist das Victoria and Albert Museum in London , das immer wieder als Vorbild beschworen wird, kein Kunst-, sondern ein Kulturgeschichtemuseum, und auch das Metropolitan Museum in New York hat seine Mittelalter-Pastiches aus dem Hauptgebäude ausgelagert. Auch das Getty Center in Los Angeles taugt nicht wirklich als Argument für die Bode-Renaissance, denn es wirft einen sehr fernen, sehr pazifischen Blick auf die Kunst des Abendlands, in dem sich gerade jene Distinktionen verlieren, auf die der Kunstsammler Bode so viel Wert gelegt hat.

Die Fülle würde zur Not

Was das Kabinett-Konzept für einzelne Werke bedeutet, kann man schon jetzt im Bodemuseum studieren. In einem Raum in der Südostecke des Gebäudes bilden zwei Prokuratoren-Porträts von Tintoretto mit ebenso vielen gerahmten Halbreliefs von Sansovino und einem Duo aufgearbeiteter Renaissance-Truhen eine unruhige Wohngemeinschaft. Auf einer formlosen Kommode steht eine Frauenbüste von Simone Bianco. Die Hauptwand des Raums ziert eine „Heilige Familie mit Stifter“ des Polidoro da Lanciano. Das Gemälde ist durch den Spiegeleffekt der Wandleuchten, die hier das Tageslicht verstärken sollen, praktisch unsichtbar. Im Nebenraum duckt sich ein Jünglingsbildnis von Alessandro Allori neben einem polierten Herkules von Giambologna. Hundert Werke aus der Gemäldegalerie hängen inzwischen im Bodemuseum. Nach dem Umzug sollen es fünfhundert sein.

Aber auch für die Skulpturensammlung wäre die Zwangsgemeinschaft mit den Alten Meistern ein Unglück. Im Obergeschoss, wo die Werke Riemenschneiders, Zürns und der flämischen Holzschnitzer in der milden Helligkeit baden, die durch die Oberlichter strömt, würden die Gemälde ihr Vorrecht beanspruchen, die Plastiken müssten, von Einzelstücken abgesehen, ins Erdgeschoss weichen oder kämen ins Depot. Die Großzügigkeit, der Zauber des Hauses, in dem Ausstellungen wie die „Gesichter der Renaissance“ aufblühen können, wäre dahin. Dass das Bodemuseum in Jahren ohne Sonderschauen nur eine Viertelmillion Besucher hat, ist auch jener Gedankenblockade geschuldet, die eine Grundmalaise der Preußenstiftung ist. Für alles gibt es Geld und Konzepte, nur nicht für die Präsentation der Schätze, die das Herz und die Seele der Stiftung und ihrer Museen sind.

Schon heute wirken einzelne Räume im Bodemuseum überfüllt, etwa die Säle zur gotischen Altarkunst. Wenn die Gemäldegalerie hier Quartier bekäme, würde die Fülle zur Not. Der Kanon, von dem sich Beckett mit dem Blick des modernen Künstlers verabschiedet hat, würde alles verdrängen, was nicht unter die Meisterwerke-Klausel der Kuratoren fiele - also gerade jenen Reichtum an Nuancen, der ein herausragendes Merkmal der Berliner Sammlungen ist. Der Kanzelträger aus der Öhringer Stiftskirche, der in einem der Gotiksäle im Erdgeschoss ausgestellt ist, könnte dann zum Wahrzeichen des Bodemuseums werden: Er schultert eine Last, die er auf Dauer nicht halten kann. Aber noch ist die Steinfigur im Gleichgewicht.

Weitere Themen

„Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

Wettstreit der Romantiker

Ausstellungen in Paris : Wettstreit der Romantiker

Victor Hugo, Notre-Dame und die Folgen: Zwei Pariser Ausstellungen im Petit Palais beschäftigen sich mit einer Zeit, die ihre Liebe für „ihr“ Retro entdeckte und auch vielfältig auslebte.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.