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Umzug der Gemäldegalerie : Lasst diese Fülle nicht verkümmern

In dieses Haus soll nun, nach dem Willen der Direktoren der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Berliner Gemäldegalerie einziehen, mit knapp der Hälfte jener etwa tausend Werke, die bisher in den Sälen am Potsdamer Platz zu sehen sind. Das Bodemuseum, heißt es zur Begründung, sei für die Gemälde der „historische Ort“ (so Michael Eissenhauer, der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin), der „einzig richtige Ort“ (so sein Vorgänger Klaus-Peter Schuster, der die Umzugsidee vor zwölf Jahren entwickelt hat). Und keiner, der für den Umzug spricht, versäumt es, zugleich die geschichtliche Chance zu beschwören, die in der Rückkehr zu Wilhelm von Bodes Museumskonzept von 1904 bestehe.

Aus allen Nähten

Tatsächlich hat Bode, der, wie jeder erfolgreiche Kulturverwalter seiner Zeit, über enge Kontakte zum Herrscherhaus verfügte - einmal durfte er im Tiergarten, wo er Wilhelm II. auf einem Spaziergang abpasste, im Arm seiner Majestät ausruhen -, die Einrichtung des Kaiser-Friedrich-Museums, wie es bis 1956 hieß, nach dem Vorbild der Kunstkabinette der adligen und großbürgerlichen Sammler des neunzehnten Jahrhunderts entworfen. Sein Museum, für das er dekorative Wappen, Gobelins, Deckenschmuck und Möbel vornehmlich in Italien anschaffte, sollte ein wahrer Palast der Künste werden, in dessen Mittelpunkt die von ihm über alles geschätzte Renaissancekunst stand. Auf den Fotografien, die sich von der Erstaufstellung von 1904 erhalten haben, sieht man, dass die Renaissance praktisch das gesamte Erdgeschoss füllte, während die niederländische, englische, französische und spanische Malerei im Obergeschoss untergebracht war. Masaccio, Bellini, Botticelli und Fra Angelico also hingen, dicht von Groß- und Kleinplastiken und Kunstgewerbe umstellt, im Seitenlicht, das durch die Parterrefenster fiel, während Tizian, Rembrandt und Rubens in eng gedrängter Hängung die Oberlichtsäle im ersten Stock füllten. Und so ähnlich, glaubt man Klaus-Peter Schuster, soll es auch wieder werden, wenn die Gemäldegalerie ihren „angemessenen Ort“ auf der Museumsinsel wiederfindet.

Nur dass der Ort schon zu Bodes Zeiten nicht mehr angemessen war. Bereits 1910 quoll das Gebäude aus allen Nähten, so dass die Sammlung italienischer Skulptur ins Obergeschoss kam, wo sie mit den Alten Meistern um die Aufmerksamkeit der Besucher kämpfte. Die Plastiken, klagte Bode damals, beeinträchtigten „durch ihre Körperlichkeit das bloß gemalte Bild“, das neben ihnen „flach und wirkungslos“ erscheine. Als Alfred Messels Pergamonmuseum 1930 fertig war, wanderte der Bestand an nordalpinen Kunstwerken in den Nordflügel des Neubaus, wo er zum „Deutschen Museum“ zusammengefasst wurde. Der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg verhinderten die Weiterentwicklung der Sammlungen und Museen. Aber schon in den dreißiger Jahren war klar, dass sich Bodes Fin-de-siècle-Kombination von großer Kunst und bloßem Handwerk historisch überlebt hatte.

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