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Umstrittene ZPS-Kunstaktion : Die größtmögliche Übertreibung

Die „Schwurstätte gegen den Verrat an der Demokratie“ gegenüber des Reichstags am Samstagvormittag Bild: Kolja Reichert

Die Aktion mit Asche aus Auschwitz war ein Fehler, das Zentrum für Politische Schönheit entschuldigte sich, Rabbiner halfen. Statt dieser großzügigen Geste in Demut das letzte Wort zu lassen, legte die Gruppe noch einmal nach.

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          Es war nach all der Aufregung um die jüngste Aktion des Zentrums für Politische Schönheit schon verdächtig still geworden, nachdem die Künstlergruppe sich am Mittwochnachmittag für sie entschuldigt hatte – ein Novum in ihrer zehnjährigen Geschichte. „Wir bedauern aufrichtig, dass wir den zentralen Wirkungsaspekt unserer Arbeit nicht im Vorfeld erkannt haben“, hieß es da – den „Wirkungsaspekt“ also der öffentlichen Ausstellung der Überreste von in Auschwitz ermordeten Menschen dem Reichstag gegenüber.

          Wie eine vergrößerte Version der Anti-Terror-Poller, die überall im Regierungsviertel herumstehen, war eine Stahlsäule aus dem Boden geschossen, deren gelb getöntes Rundumfenster die Sicht freigab auf eine bernsteinfarben glimmende Masse, in der Knochensplitter zu erkennen waren – ein Anblick, so furchtbar, dass man sich nur wundern konnte über die anscheinende Ungerührtheit, mit der Besucher sich ums beste Foto bemühten. Die „Bodenprobe“ stammt angeblich aus der Umgebung von Auschwitz, wo in den letzten Jahren Wissenschaftler mit den Methoden der Forensik die Frage nach der Entsorgung der Menschenasche neu aufrollen, wie der Historiker Hinnerk Höfling in einem Aufsatz erläutert, den das Zentrum für Politische Schönheit auf seiner Website bereitstellt. Er stellt eine neuerliche Konfrontation mit Details des Grauens der industriellen Vernichtung von Menschen durch Menschen unter dem NS-Regime dar, die so erschütternd wie hilfreich ist, um die historische Verpflichtung, die aus ihr folgt, immer wieder neu nicht nur zu verstehen, sondern auch zu empfinden.

          In einer Zeit, in der eine Partei wachsenden Zuspruch von Wählern dadurch gewinnt, dass sie die alten Formen deutschen Ressentiments und deutschen Fremdenhasses wieder und wieder aufführt, und die übrigen Parteien ihre Debattenkultur zunehmend der Frage unterordnen, wie man diesen Zuspruch nicht noch vergrößert, kann der Wunsch, Politiker und Bürger drastisch mit den Spuren der Vernichtungspolitik zu konfrontieren, einleuchten – jedenfalls aus nichtjüdischer Sicht. Dass die angewandten Mittel aber aus jüdischer, und damit der zuallererst gültigen Perspektive nur eine weitere Instrumentalisierung der Getöteten und eine Störung der Totenruhe sein konnten, dieser Gedanke war dem Zentrum wohl nicht gekommen, und anders als behauptet, hatten sie offenbar nicht die Meinung jüdischer Gemeinden und Verbände eingeholt – womit die Aktion als Ausweis wiederum deutscher Selbstgerechtigkeit zum unentschuldbaren Fehler wurde.

          Ein tourettehafter Zwang?

          Dass es sich beim Exponat wirklich um Asche aus Auschwitz handelte und nicht nur um die bloße Behauptung, davon darf man seit Donnerstag ausgehen, als die Orthodoxe Rabbinerkonferenz anbot, sich um die Beisetzung zu kümmern – was sie offenbar noch vor dem Schabbat getan hat.

          Während man sich nichts anderes vorstellen mochte, als dass die Gruppe dieser großzügigen Geste in Demut das letzte Wort lassen würde, legte sie am Samstagmorgen tatsächlich noch mal nach: Nachdem der Zapfenstreich für Samstagnachmittag abgesagt war, in dessen Rahmen die Säule in einem Akt kollektiven zivilen Ungehorsams hätte einbetoniert werden sollen, verkündete die Gruppe, dass sie das Fundament „bei Nacht und Nebel“ gegossen und die Säule umgewidmet habe zu eine „Schwurstätte gegen den Verrat an der Demokratie“.

          Anstelle der Aschevitrine befindet sich jetzt eine Verkleidung, und auf der Säule steht in Deutsch und Englisch der Schwur, den 410 vor Christus, nach dem Putsch der Vierhundert, Demophantos jedem Athener abverlangte: „Ich schwöre Tod durch Wort und Tat, Wahl und eigne Hand – wenn ich kann – jedem der die Demokratie zerstört.“ Jetzt muss es schon die tödliche Gewalt sein, geadelt durch die Antike. Es ist, als unterläge die Gruppe einem tourettehaften Zwang, der es ihr nicht erlaubt sich anders zu äußern als in der größtmöglichen Übertreibung, Willkür und der daraus entstehenden Unschärfe. Wer interessiert sich jetzt noch für den aus dem Saarland entführten Grabstein des Zentrumspolitikers und NS-Mitermöglichers Franz von Papen, der vor der CDU-Zentrale als Warnung vor der Zusammenarbeit mit der AfD steht?

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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