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Umstrittene Datenbank : Der Fall Flechtheim

  • -Aktualisiert am

Nach 1933 wurden die Kunstwerke aus den Beständen des jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim, der Picasso, Beckmann und Klee vertrat, verstreut. Einige finden sich noch heute in deutschen Museen. Die haben jetzt eine Datenbank zu den Flechtheim-Kunstwerken veröffentlicht - ohne die Erben auch nur zu befragen.

          Ausgerechnet Alfred Flechtheim: Wenn es einen Restitutionsfall gibt, der die deutschen Museen schon seit langem in Atem hält, dann ist es der des legendären Kunsthändlers und -sammlers Alfred Flechtheim. Als Jude wurde er schon vor 1933 in Deutschland diffamiert. Nach der Machtübernahme der Nazis verlor er sein Vermögen, seine Galeriebestände, seine Heimat und schließlich auch sein Leben. Die Privatsammlung Flechtheim und sein Galeriebestand wurden in alle Welt verstreut. Zahlreiche deutsche Kollegen bedienten sich ungeniert, viele Werke gelangten anschließend auch in deutsche Museen. Verschiedenen von ihnen liegen deshalb Auskunftsersuchen oder schon konkrete Rückgabeforderungen vor. Einige Häuser haben bereits reagiert und den Raubkunstverdacht durch sorgfältige Recherche ausräumen können. Andere, wie das Kunstmuseum Bonn, haben ihn bestätigt gefunden und sind mit den Flechtheim-Erben und ihren Anwälten in jene Verhandlungen über eine „faire und gerechte Lösung“ eingetreten, die die von allen öffentlichen Museumsträgern in Deutschland als moralisch verbindlich anerkannte „Berliner Erklärung“ seit 1999 für solche Fälle vorschlägt. Bonn konnte daraufhin ein Gemälde von Paul Adolf Seehaus behalten, Köln musste sich von Oskar Kokoschkas „Porträt der Schauspielerin Tilla Durieux“ trennen. Seither herrscht in anderen betroffenen Museen spürbare Unsicherheit - und Unwille, sich zum Thema überhaupt zu äußern.

          Aus anderen Museen warten die Flechtheim-Erben - unter ihnen der 67-jährige Michael R. Hulton - seit langem vergeblich auf Zeichen von Bewegung. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen etwa besitzt zwei Gemälde von Paul Klee und Juan Gris, auf die die Erben Anspruch erheben. In München sind es sechs Arbeiten von Max Beckmann; zu Werken von Klee und Gris gibt es auch hier zumindest offene Fragen. Der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München, Klaus Schrenk, hat den Fall Flechtheim für sein Haus allerdings bereits 2010 für erledigt erklärt. Dem Anwalt der Flechtheim-Familie, Markus Stötzel, teilten Schrenk und sein Justitiar schriftlich sogar mit, man werde den von den Flechtheim-Erben beauftragten Juristen fortan einfach nicht mehr als Ansprechpartner betrachten.

          In Köln geht man auf Distanz

          Und nun sind es ausgerechnet auch diese Museen, deren häufig nur auf Zeit angestellte Provenienzforscher sich mit einem gemeinsamen Projekt über Alfred Flechtheim profilieren und zeigen wollen, wie transparent sie angeblich mit dessen Werken umgehen. In fünfzehn Häusern zwischen Hamburg und München sollen von Mittwoch an jene Werke besonders herausgestellt werden, die einmal durch die Hände von Alfred Flechtheim gegangen sind. Eine Datenbank wird die Geschichte ehemaliger Flechtheim-Gemälde und -Skulpturen aus Sicht der Museen darstellen.

          Michael Hulton hat allerdings niemand gefragt, ob er den Namen seines Großonkels für ein Projekt zur Verfügung stellen will, mit dem deutsche Museen für ihre angeblich gute Aufarbeitung der NS-Raubkunst-Problematik werben wollen. Erst als die Planungen schon weit vorangeschritten waren und die Museen bereits, ohne Rücksprache mit den Erben, einfach eine Website mit dem Namen des legendären jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim eingerichtet hatten, kam aus München ein Brief mit der Bitte um „emotionale und körperliche Unterstützung“. Dort, in den Bayrischen Staatsgemäldesammlungen, wurde federführend geplant, was am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Düsseldorf der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll.

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