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Sowjetukrainische Kunst : Kriminelle Tätowierungen auf der Haut unserer Städte

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Hammer, Sichel und Atomkraftwerk? 1981 entstandenes Werk eines unbekannten Kiewer Künstlers. Bild: Archiv

Wohin mit Lenin? In der Ukraine ist man nicht zimperlich im Umgang mit öffentlichen Kunstwerken aus der Sowjetepoche. Doch sie finden immer mehr Freunde. Gastbeitrag über einen Streit.

          Vor gut einem Jahr wurden vom Kiewer Parlament die sogenannten „Dekommunisierungsgesetze“ verabschiedet, die den Umgang mit dem historischen und materiellen Erbe der Sowjetukraine regeln sollten. Der umfangreiche Gesetzestext enthält eine geschichtspolitische Agenda, die das Archivwesen ebenso betrifft wie das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg. Vor allem gibt er Anweisungen, wie mit Straßennamen und Symbolen der sowjetischen Epoche, die als eine der diktatorischen Fremdherrschaft definiert wird, umzugehen sei: Sie sollen aus dem öffentlichen Raum entfernt werden.

          In den neunziger Jahren waren nur im äußersten Westen der Ukraine Straßen geschichtspolitisch umbenannt, Denkmäler demontiert und durch neue, formal freilich zumeist immer noch der spätsowjetisch realistischen Tradition verpflichtete Monumente ersetzt worden. Ansonsten hatte die Ukraine ihr sowjetisches Erbe nie aus dem öffentlichen Raum verbannt. Der ärgste Feind der sowjetukrainischen öffentlichen Kunst – vor allem Mosaiken und Monumentalbilder in Metrostationen, an Schulen, Fabriken, Gebäuden und Bushaltestellen – war nicht der antisowjetische Affekt, sondern der Wolfskapitalismus der Nachwendezeit. Schleichend fielen die Bilder der sozialistischen Ära Abrissen, Renovierungen, Überstreichungen zum Opfer. Riesige Reklametafeln verbergen, Klimaanlagenaggregate und wild verlegte Leitungen zerteilen sie. Die allfällige Bakschischwirtschaft im Baugewerbe sorgte für ein zuverlässiges Wegschauen des Denkmalschutzes.

          Nationalistische Exzesse oder Befreiung?

          Es ist eine Ironie der Geschichte, dass eine Bewegung, die mit der endemischen Korruption Schluss machen wollte, ungewollt die Überlebenschancen des gefährdeten visuellen Erbes der Sowjetukraine dramatisch verschlechterte. Schon der Majdan brachte eine erste Zäsur, als Aktivisten und Stadtverwaltungen auch in den zentralen und östlichen Regionen der Ukraine die Lenin-Denkmäler demontierten. Der sogenannte „Leninopad“ („Lenin-Fall“, eine Wortbildung in Analogie zum herbstlichen Blätterfall) vollzog sich mal still, mal als ekstatischer Götzensturz. Prominentestes Opfer wurde das qualitätvolle, von Sergej Merkurow 1946 aus Granit gehauene Lenin-Denkmal im Kiewer Stadtzentrum.

          Schon an diesem speziellen Leninopad schieden sich die Geister. Was die einen als notwendige symbolische Befreiung von jenem kulturellen Ballast ansahen, der die Ukraine trotz aller Revolten immer wieder zurück in den „russischen Sumpf“ ziehe, empfanden andere als Exzess einer stadt- und kulturfernen Hassmeute – verkannten dabei freilich die soziale Basis der Majdan-Bewegung, die vor allem aus der gebildeten, zweisprachigen Mittelschicht stammt. Wie ein Wiedergänger aus den knapp ein Jahrhundert zurückliegenden Revolutions- und Bürgerkriegszeiten äußerte sich hier ein Vorurteil russischsprachiger Gebildeter gegenüber dem „ukrainischen Dorfpöbel“, der mit dem urbanen Raum nichts anzufangen wisse und künstlerisch wertvolle Denkmäler im nationalen Rausch zertrümmere.

          Kontroverse Deutung der Sowjetära

          Dass diese Frontstellung so nicht besteht, stellte sich bald während der Kontroverse um die „Dekommunisierungsgesetze“ heraus, die von einer kleinen Gruppe national gesinnter Geschichtspolitiker rund um das „Institut des nationalen Gedenkens“ formuliert worden waren. Nicht nur westliche Ukraine-Spezialisten kritisierten das Gesetzeswerk. Auch im innerukrainischen Post-Majdan-Diskurs schlagen die Wogen seither hoch. Streitobjekt ist die Kiewer Untergrundbahn, deren Stationen seit den sechziger Jahren von bedeutenden Vertretern einer spezifisch ukrainischen Monumentalkunsttradition gestaltet wurden.

          Völker, hört die Signale? So wie hier in Kiew wurden sowjetische Statuen vielerorts unsanft entfernt.

          Einige von ihnen waren späte und heimliche Adepten des während der stalinschen Säuberungen ermordeten Künstlers Mychailo Bojtschuk (1882 bis 1937) und seines Kreises. Bojtschuk, der in Wien, Krakau und Paris studiert hatte, gründete in den zwanziger Jahren die „Assoziation Revolutionärer Kunst“ in Kiew und schuf monumentale Bildwerke, die von der byzantinischen Sakral- und minimalistischer Volkskunst gleichermaßen inspiriert waren. Selbstverständlich weisen die Werke, die diese abgerissene Tradition wiederbelebten, sowjetische Symbole auf – etwa die Sichel, die auch mal surrealistisch in eine Raketenspur ausläuft, Rotarmisten oder Sterne auf Andrij Kyrytschenkos Mosaiken in der Metrostation „Palac Ukrajina“.

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