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Schau „Neues Bauen im Westen“ : Einfach alles mit weißem Putz und flachem Dach?

Prägt das Stadtbild von Gelsenkirchen: Das zwischen 1924 und 1927 vom Essener Architekten Alfred Fischer errichtete Hans-Sachs-Haus. Bild: ISG Gelsenkirchen, ISG FS I 6113

Man kann hier beim besten Willen nicht überall den Bauhaus-Einfluss erkennen: Die Düsseldorfer Schau „Neues Bauen im Westen“ versucht es trotzdem.

          Die Ausstellung war noch nicht eröffnet, da stellte sie sich bereits der Diskussion. Denn aus „Bauhaus im Westen“, dem Titel, mit dem sie vorbereitet und angekündigt worden war, wurde unversehens „Neues Bauen im Westen“. Der Verdacht des Etikettenschwindels, der vom Lenkungsausschuss „Bauhaus100 im Westen“ bestritten wurde, wird so bestätigt, doch den besonderen Dreh dabei teilt erst der Umschlag des Begleitbuches mit: „Neues Bauen“ steht darauf in der Schrift, die Walter Gropius – ebenfalls vertikal gesetzt – für „Bauhaus“ an der Fassade des Schulgebäudes in Dessau verwendet hat. Womit der Bezug typographisch suggeriert, aber nicht mehr behauptet wird – wie salomonisch!

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Das Bauhaus-Jubiläum ist nur Anlass der Ausstellung. Ihr Fokus hat sich verschoben: Statt gerade mal ein halbes Dutzend Gebäude in Nordrhein-Westfalen, die sich, wenn man ein Auge zudrückt, Architekten, die an der Reformschule gelehrt oder studiert haben, zuschreiben lassen, stehen mehrere hundert zur Auswahl, die zwischen Rhein und Weser, wo Heimatschutz, Reformstil und Backsteinexpressionismus vorherrschen, eine sachlich funktionale Ästhetik vertreten. Dabei reicht das Spektrum von Vorläufern wie dem Hagener Impuls, dem Werkbund und dem Industriebau von Peter Behrens über die Weimarer Republik und die Nachkriegszeit nicht nur, wie es im Prospekt heißt, bis in die achtziger Jahre, sondern über diese hinaus: Jüngstes Objekt ist das „Haus ohne Eigenschaften“ von Oswald Mathias Ungers (Köln, 1996).

          Die von der Architektenkammer NRW ausgerichtete Schau unternimmt den Versuch, ein Jahrhundert zu besichtigen. Sie beginnt mit dem Hohenhof in Hagen, den Henry van de Velde 1908 für den Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus entworfen hat, und bietet mehr als 250 Exponate auf, überwiegend Fotos, aber auch Grundrisse, Buchumschläge, Briefe und Graphik sowie sechzehn Holzmodelle, die in einer mobilen Ausstellungsarchitektur präsentiert werden. Ein verschachteltes Turmgerüst, das unten kurze Durchgänge lässt und sieben Meter hoch im Foyer des Hauses der Architekten in Düsseldorf aufragt, dient als selbsttragendes Exponat, an dem neben- und gegeneinander Thementafeln angebracht sind.

          Oswald M. Ungers „Haus ohne Eigenschaften“ in Köln (1996) im Modell Bilderstrecke

          Zum Wohnungsbau werden Siedlungen wie die „Weiße Stadt“ von Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod in Köln oder „Dicke Eiche“ von Ludwig Lemmer in Remscheid gezeigt, zum Verwaltungs- und Geschäftsbau etwa das Hans-Sachs-Haus von Alfred Fischer in Gelsenkirchen, zum Industriebau die Zeche Zollverein XII von Fritz Schupp und Martin Kremmer in Essen, zum Sakralbau Kirchen von Rudolf Schwarz: Schlaglichter, die mit Beispielen aus Wuppertal, Soest oder Wanne-Eickel auch auf „Neues Bauen jenseits der Metropolen“ geworfen werden. Die Öffnung des Themas geht so weit, dass das Auswahlkriterium „Bauhaus“ aufgegeben und der Landesbezug vernachlässigt wird. So werden von Ludwig Mies van der Rohe die Villen angeführt, die er 1930 vor seiner Berufung zum Bauhaus-Direktor für die Seidenfabrikanten Hermann Lange und Josef Esters in Krefeld, nicht aber das (weniger bekannte) HE-Gebäude für die VerSeidAG, das er danach dort gebaut hat. Oder: Der Stuttgarter Weißenhof, den Mies bereits 1927 konzipiert (und zu dem Gropius als einziger Bauhäusler ein kleines, nicht erhaltenes Haus beigetragen) hat, wird reich bebildert, der Karlsruher Dammerstock, wo Gropius nach seinem Rücktritt als Bauhaus-Direktor die Oberleitung hatte, nicht erwähnt.

          Bauhaus-Rezeption in der jungen Bundesrepublik

          Die zweite Hälfte der Ausstellung beleuchtet die Bauhaus-Rezeption in der jungen Bundesrepublik, deren Selbstdarstellung – so die These – in der Architektur bildlich vorweggenommen wird. Zwei Inkunabeln in Bonn, die von Hans Schwippert 1949 zum Plenarsaal umgebaute Pädagogische Akademie und der erst nach dem Hauptstadt-Umzug 1992 vollendete neue Plenarsaal von Günter Behnisch, der ohne Bildlegende den Ausstellungsturm krönt, setzen die Eckpunkte. Dazwischen steht das Abgeordnetenhaus „Langer Eugen“ (1969) von Egon Eiermann, der sich als Poelzig-Schüler zeitlebens dagegen verwahrt hat, in Verbindung mit dem Bauhaus gebracht zu werden.

          Wie nach dem Zweiten Weltkrieg die gekappten Traditionen der Moderne wiederaufgenommen wurden und die amerikanische Besatzungspolitik dies beförderte, findet in der kühl-sachlichen Hochhaus-Architektur ihre markanteste Anschauung. Doch auch diese wird von Asymmetrien beeinträchtigt: Das Mannesmann-Hochhaus von Paul Schneider-Esleben in Düsseldorf wird vorgestellt, das Thyssen-Hochhaus von Hentrich, Petschnigg & Partner, eine Art Reimport aus Chicago, nicht. Andere „Paare“ werden „geschieden“: Das Theater von Werner Ruhnau in Gelsenkirchen (1959) strahlt hell erleuchtet, das (postum errichtete) Opernhaus von Alvar Aalto in Essen (1988) bleibt im Dunkeln.

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          Die Ausstellung, die nach dem Start in Düsseldorf weiterwandert, trägt viel zusammen. Nach welchen Kriterien die Gebäude ausgewählt wurden, wird nicht so recht deutlich: Alles, was mit weißem Putz und flachem Dach rechtwinklig ist? Der fotografische Schnelldurchlauf ergibt keine Erzählung, Verbindungslinien werden nur vereinzelt – so zwischen dem Landeshaus von Eckhardt Schulze-Fielitz, Ernst von Rudloff und Ulrich Schmidt in Köln und dem (nicht ausgeführten) Entwurf von Mies van der Rohe für die Krupp-Hauptverwaltung in Essen – mehr als assoziativ gezogen. Um eine Orientierung über das Neue Bauen im Westen zu geben, braucht es mehr als einen kursorischen Überblick.

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