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Marcel Duchamp in Paris : Kunst ist Kunst, wenn sie Kunst abschafft

Ein Maler schmeißt mit Objekten nach der Malerei und lässt eine Epoche hinter sich: Das Centre Pompidou widmet sich Marcel Duchamps frühen Jahren in einer exzellenten Schau.

          4 Min.

          Zu Beginn des Jahres 1912 stellt ein junger Maler in Paris ein Bild fertig, das ihn mit einem Schlag berühmt machen wird - allerdings erst ein Jahr später in New York, wo dem Publikum in einer großen Ausstellung die jüngsten europäischen Entwicklungen auf dem Feld der bildenden Kunst vorgeführt werden. Marcel Duchamp, sechsundzwanzig Jahre alt und bis dahin allenfalls am Rande von den französischen Kritikern erwähnt, wird durch diese Schau in den Vereinigten Staaten zum absoluten Star. Mit einem Bild, an dessen kubistisch-futuristisch anmutender Darstellungweise einer Figur in Bewegung sich rege Diskussionen über avantgardistische Kunst entzünden und dessen Titel, „Akt, ein Treppe herabsteigend Nr. 2“, insbesondere die Karikaturisten inspiriert.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Gerade dieser spielerisch-ironische Titel war es freilich gewesen, der die Pariser Künstlerfreunde Duchamps irritiert hatte: Dergleichen wollte man mit der avantgardistischen, nämlich kubistischen Sache - abseits von Braque und Picasso, die der Galerist Kahnweiler damals bereits unter Generalvertrag genommen und damit aus den Salonausstellungen abgezogen hatte - lieber nicht verknüpft sehen; der Titel sollte doch bitte übermalt werden. Duchamp hatte empört abgelehnt und das Bild aus dem großen Frühjahrssalon der Indépendants 1912 zurückgezogen.

          Mehr als einer neuer Avantgardismus

          Für die Kunstgeschichte, ja für den modernen Begriff von Kunst entscheidend wurde bekanntlich, dass der junge Duchamp gar nicht daran dachte, seinen neuen Ruhm als Kompensation für die Pariser Zurückweisung zu nehmen. Das lukrative Angebot eines prominenten amerikanischen Galeristen, das ihm ein gutes Auskommen gesichert hätte, ließ ihn kalt. Aber die kunstrichterliche Abweisung seiner Freunde saß tief und wurde für ihn Anstoß einer Entwicklung, die alle malerischen Avantgardismen hinter sich ließ. Denn nun ging es ganz grundsätzlich gegen deren Prinzip der formalen Überbietungen und Markenzeichen, gegen Pinselstile und Handschriften; es ging zuletzt gegen die Malerei selbst, die sich für Duchamp inzwischen bloß im „Retinalen“, also letztlich Geschmäcklerischen erschöpfte.

          Dagegen aufgeboten wurde die Ausrichtung an Ideen, die nach einer präzisen Malerei jenseits von Geschmacksentscheidungen verlangen. Oder auch nach gar keiner Malerei mehr, sondern nach Winken, kaustisch-hermetischen Konstruktionen, die mit wissenschaftlicher Methodik spielen und immer auch mit Titeln und Worten. Verfahren, die schnell auf die Frage führten, die sich mit den „Readymades“ stellte, den im Lichte solcher Wortspiele und privater Bedeutungssysteme von Duchamp bald präsentierten Alltagsgegenständen: Lassen sich denn überhaupt Werke schaffen, die nicht ins Feld der Kunst fallen?

          Auf dem Weg zum „Großen Glas“

          Vor zwei Jahren konzentrierte sich eine Ausstellung im Kunstbau des Münchener Lenbachhauses auf eine kurze Phase dieses Umbruchs: die drei Monate, die Duchamp im Sommer 1912 in München verbrachte und in denen bereits einige Bilder und Zeichnungen entstanden, die zu den Vorarbeiten des schließlich über Jahre ausgetüftelten Schlüsselwerks zählen: „Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar“ oder kurz das „Große Glas“.

          Eine exzellente und großangelegte Schau im Pariser Centre Pompidou öffnet den Horizont nun weiter. Sie setzt, mit einigen wichtigen Rück- und Vorblenden, etwa im Jahr 1910 ein und verfolgt Duchamps Parcours über ein knappes Jahrzehnt, um mit dem unfertig gebliebenen „Großen Glas“, dessen Bearbeitung Duchamp 1923 endgültig abbrach, zu schließen. Ein Parcours, der vor Augen führt, wie Duchamp das Feld der Malerei durchquert und schließlich fast ganz verlässt.

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