https://www.faz.net/-gqz-x6ic

„Typisch München!“ : A Tradition muss halt her!

Die Hauptstadt der Gemütlichkeit, vom Ernst des Lebens halb verschont? Das Stadtmuseum geht in seiner neuen Dauerausstellung der Frage nach, was „Typisch München!“ sei.

          3 Min.

          Der Volksfestcharakter des achthundertfünzigsten Stadtjubiläums Münchens verdeckt einen willkommenen Nebeneffekt: Das 1888 gegründete Stadtmuseum am Jakobsplatz konnte endlich die überfällige Sanierung des Zeughauses und des Grässeltraktes in Angriff nehmen. Als eines der wenigen Baudenkmäler der Spätgotik ist das um 1500 gebaute Zeughaus zwar wesentlich älter als der in den späten zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts angefügte Grässeltrakt. Beide Baukörper aber wurden nach Kriegsschäden nur mit billigem Material ausgebessert.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Nun ist alles auf zeitgenössischem Standard, weißer Sumpfkalk lässt die Backsteinfassade leben. Die Ausstellung zieht sich über drei Etagen; dem Exponatenreichtum des Museums kann sie auch auf 2400 Quadratmeter nicht Herr werden. So wirkt manches überinstrumentiert, beengt. Von vielen Seiten nähert sich die Schau der Frage, was denn typisch München sei - seit wann und warum?

          Die vier Grundübel der Zeit

          Erste Hinweise finden sich im wunderbaren Gewölbe des ebenerdigen Moriskensaals. Dort sind - jenseits der berühmten Moriskentänzer von Erasmus Grasser - vier dem Petel-Schüler Ferdinand Murmann zugeschriebene, an die 160 Zentimeter hohe Putti von der Mariensäule als raumfüllende Figuren im Quadrat angeordnet. Sie führen hinein in die katholische Bastion München, jenes „deutsche Rom“, an dessen Spitze Kurfüst Maximilian I. steht, der die katholische Liga im Dreißigjährigen Krieg anführte. Eine Lindenholzbüste mit Glasaugen lässt ihn höchst lebendig den Prospekt überblicken - auf welchem die Putti gegen die vier Grundübel der Zeit mit Schwert und Lanze vorgehen. Im Drachen wird der Hunger bekämpft, im Löwen der Krieg, im Basilisken die Pest und in der Schlange die Ketzerei. In einem Deckengemälde der Residenz führt diesen Kampf die ecclesia militans, und also in ihrem Namen der Kurfürst als Gegner der Heiden, Juden, Häretiker und Schismatiker.

          Das war das eine. Das andere - darauf hebt der Kurator Thomas Weidner ab - ist die Deutung des Kurfürsten als eines Anti-Münchners in dem Sinn, dass er die städtische Bürgergesellschaft aushebelte, wo es nur ging. Die Aufstellung der Mariensäule 1638, die Unterwerfung Münchens und Bayerns unter den Schutz der „Patrona Bavariae“? Ein Herrschaftsakt. Und solche Akte haben hier Tradition: Es gibt das fürstliche München, Jahrhunderte von den Wittelsbachern dominiert, und es gibt die reiche, stolze Bürgerstadt, deren Erfolg allerdings konjunkturellen und politischen Schwankungen unterliegt. Der Konsens von Hof und Bürgertum war nicht die Regel; der Wittelsbacher Löwe und der Münchner Mönch leiden beide nicht an mangelndem Selbstbewusstsein.

          Die da oben am Pflug

          Zum Zwecke der Identitätsstiftung verfällt man in der Moderne auf die Idee der invention of tradition, wie das gut neumünchnerisch heißt: Traditionen werden erfunden um eine städtische Gesellschaft zu stabilisieren, indem man so tut, als gebe es eine verbindende Geschichte. Dabei weiß man: Die da unten waren immer in der Überzahl, aber umgepflügt haben die Stadt die längste Zeit die da oben, auch weil sie - als zugereiste Künstler und Gelehrte - Angehörige des Hofstaats waren.

          Es gibt also das alte München, das gewachsene, und das neue München, das auf alt macht, aber jeweils neu war. Ein Indiz dafür ist Konrad von Knolls drei Meter hohe Statue von Heinrich dem Löwen. Zum siebenhundertsten Stadtjubläum war man entschlossen, diesen per Denkmal als mythischen Stadtgründer zu etablieren. Aber niemand besaß ein gesichertes Bild des 1195 gestorbenen Welfenherzogs. Weswegen ihn von Knoll ungeniert als historistischen Phantasieritter ausstaffiert.

          Umbau zum neuen Athen

          Glanz bringt der Aufstieg zum Königreich 1806. Auf Max I. Joseph folgt 1825 der Antiken- und Frauensammler Ludwig I., der nichts weniger als den Umbau zu einem neuen Athen vorantreibt. Zwar lässt sich die Kunststadt nur schwer von der Bierstadt trennen, aber Ludwig hatte seine Tricks. Die Galerie der „Schönen Münchnerin“ eröffnet das Dienstmädchen Helene Sedelmayer, aus dem oberbayerischen Trostberg stammend. Sie war eine von sechsunddreißig mittelgescheitelten Damen, die der Hofmaler Joseph Karl Stieler verewigte - leider fehlt das Gemälde in der Ausstellung, die Farbkopie ist kein Ersatz. Die Affäre mit Elizabeth Rosanna Gilbert kostete Ludwig I. den Thron. Die irische Hochstaplerin schaffte es als andalusische Tänzerin Lola Montez binnen sechzehn Monaten, den (instinktiv richtigen) Zorn des Volks auf sich zu ziehen: Die Frau kam München spanisch vor.

          Doch welche Deutung lässt der Knödel zu? Auf einem Laufband, wie man es aus Sushi-Lokalen kennt, kreisen Lüngerl und Kalsbries, Schweinshaxn und Leberkässemmel, Milzwurst und Tellerfleisch. „Eine Art Bierbeilage“ sei das Essen in München, diagnostizierte der Kabarettist Helmut Qualtinger, dabei waren zu seiner Zeit die besten Bierzeiten längst vorüber - 1860 trank der Durchschnittsmünchner noch 535 Maß im Jahr. In den folgenden hundert Jahren schwoll München endgültig zur Milllionenstadt an. Dazwischen lag der Aufstieg zur Industriehochburg, die Prinzregentenzeit, Jugendstil und Schwabinger Bohème, die kurze kommunistische Räterepublik, die zweifelhafte Ehre, „Hauptstadt der Bewegung“ zu werden - und ein Erwachen in Ruinen.

          Im Arenasaal läuft eine Filmcollage, die als Klischeebrühwürfel zum Chill-Out einlädt. Alle möglichen Topoi der sich seit 1962 als „Weltstadt mit Herz“ vermarktenden Kommune werden aneinandergereiht - der Föhn, die Fußgängerzone, die Olympischen Spiele, Dirndlkleider und die Hasn der sexuellen Revolution, Oans-Zwoa-Gsuffa, die Zither aus der Serie „Unter unserem Himmel“, Hans-Jochen Vogel und Benedikt XVI., das Sechstagerennen, die Nackerten im Englischen Garten.

          Ein Fragezeichen im Titel wäre ehrlicher, aber weniger münchnerisch gewesen. Antworten bleibt die Ausstellung schuldig, das sollte aber niemanden vom Besuch und der Lektüre des Kataloges abhalten.

          Weitere Themen

          Wunderkammer eines Genies

          Beethoven-Manuskripte in Berlin : Wunderkammer eines Genies

          Für nicht viel mehr als 110 sorgsam gezählte Stunden aus tresorgesicherter Nacht ans Licht gelassen: Die Berliner Staatsbibliothek zeigt Glanzstücke ihrer Sammlung von Handschriften Ludwig van Beethovens.

          Betrunkene Apostel und mythische Äpfel

          Cézanne in Paris : Betrunkene Apostel und mythische Äpfel

          Kennt er das Land? Eine Ausstellung im Pariser Musée Marmottan Monet fragt, wie viel Italien in Cézannes Bildern steckt - und stellt seine Werke italienischen Meistern gegenüber.

          Topmeldungen

          Der Mann ohne Maske: Donald Trump im Mai mit dem obersten Immunologen Anthony Fauci (r.) und Deborah Birx, Koordinatorin der Coronavirus-Arbeitsgruppe des Weißen Hauses

          Corona-Pandemie in Amerika : Plötzlich ist Trump doch für Masken

          Bislang weigerte sich Trump, eine Maske zum Schutz vor dem Coronavirus zu tragen. Jetzt erleben die Amerikaner bei ihrem Präsidenten einen Sinneswandel – der mit einem Rekord bei den täglichen Neuinfektionen zusammenhängen könnte.
          Er hat die besten Aussichten, CDU-Vorsitzender zu werden, aber ist er auch der prädestinierte Kanzlerkandidat? Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.

          CDU-Vorsitz und K-Frage : Muss Laschet weichen?

          Während Merkel auf der Europawolke schwebt, kommt der Wettbewerb um den CDU-Vorsitz wieder in Fahrt. Die bisherigen Kandidaten sehen dabei alle drei nicht sonderlich gut aus.
          Sigmar Gabriel, Bundesminister a. D.

          Fleischkonzern : Sigmar Gabriel als Berater von Tönnies bezahlt

          Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat nach Recherchen des ARD-Magazins „Panorama“ für den Fleischproduzenten Tönnies als Berater gearbeitet. Gabriel soll für seine Beratertätigkeit rund 10.000 Euro erhalten haben.
          In der Münchner Fußgängerzone wollen zahlreiche Menschen einkaufen gehen.

          Konjunktur : Die Wirtschaft kommt wieder in Fahrt

          Über die Autobahnen rollen wieder mehr Lkw und in den Fußgängerzonen tummeln sich die Passanten. Echtzeitindikatoren zeigen deutlich mehr wirtschaftliche Aktivität in Deutschland. Doch von Normalität ist die Wirtschaft noch weit entfernt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.