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TV-Kritik: Günther Jauch : 1000 Kunstwerke in 100 Wohnungen

  • -Aktualisiert am

Die Fassungslosigkeit stand Michael Naumann ins Gesicht geschrieben. Der Föderalismus hatte dafür gesorgt, dass der einstige Kulturstaatsminister nichts gegen die Museen ausrichten konnte, die an der Raubkunst in ihren Depots festhalten.

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          Noch vor der Ausstrahlung von Günther Jauchs Talkrunde ging ein Gerücht um: Es solle jemand aus der Taskforce eingeladen worden sein, jenem Expertenteam also, das kürzlich auf öffentlichen Druck von der Staatsanwaltschaft Augsburg zusammengestellt worden war, um Herkunft und Geschichte der rund 1280 Werke des Münchner Kunstfunds zu prüfen. Von der Taskforce saß dann aber niemand bei Jauch. Noch am selben Tag erschien ein Interview im „Spiegel“, in dem der bayerische Justizminister Winfried Bausback (CSU) einen neuen Gesetzesentwurf zum Umgang mit NS-Raubkunst ankündigte – und damit ein Donnerwetter von Kommentaren losbrach. Bei Jauch aber saß niemand, der mit der Lösung des Falls Gurlitt beschäftigt wäre – sei es kunsthistorisch oder juristisch. Und trotzdem war es eine der aufschlussreichsten Talkrunden seit langem. Und das lag vor allem an einer Person: dem ehemaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann.

          Es war zunächst der Kunsthistoriker und Journalist Stefan Koldehoff, der gleich zu Anfang daran erinnerte, dass Gurlitt kein Einzelfall sei. Man müsse davon ausgehen, so Koldehoff, dass es in Deutschland noch „100 Wohnungen gebe mit Tausenden Kunstwerken“,  die im Nationalsozialismus den Eigentümern abgepresst oder geraubt worden seien. Dieser Meinung schloss sich der Historiker Julius H. Schoeps an, der auch Sprecher der Erbens des Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy ist. Er erwarte, so Schoeps, dass es in den nächsten Jahren noch viele weitere Fälle geben werde.

          Es hieß, er lebte in einer zugemüllten Wohnung

          Trotzdem muss der Münchner Fall als besonders gelten, was sowohl am Umfang der Sammlung als auch den eigentümlichen Schlagzeilen liegt, die er produzierte. Ob Cornelius Gurlitt tatsächlich in einer zugemüllten Wohnung lebe, fragte Günther Jauch, die Journalisten Özlem Gezer. Nüchtern erzählte Gezer, was sie bereits ausführlich im „Spiegel“ berichtet hatte: Als bislang einzige Journalistin hatte sie mit Cornelius Gurlitt ausführliche Gespräche geführt. Die Wohnung habe sie nie betreten, aber begegnet sei ihr ein ausgesprochen gepflegter alter Herr. Einer Schuld sei er sich nicht bewusst, so ihr Eindruck. Über den Vater sei kein schlechtes Wort gefallen. Er verehre ihn als Held und sehe in ihm einen „Retter von Bildern“.

          Damit war die Lüge benannt, die in der Nachkriegszeit fast ausnahmelos sämtliche NS-Kunsthändler für sich in Anspruch nahmen. Auch Hildebrand Gurlitt, der Vater von Cornelius Gurlitt, hatte Bilder ins Ausland verkauft, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ beschlagnahmt worden waren. Für Erben, so Naumann, seien diese Verkäufe ins sichere Ausland kein Trost: „Wären sie glücklich, wenn ihr Auto geklaut worden wäre und sie erführen, dass es in guten Händen im Ausland sei?“

          An diesem Abend sahen die Zuschauer sonst allerdings keinen Naumann, der zu Scherzen aufgelegt war. Was er in den Jahren seiner Amtszeit als Kulturstaatminister erlebte, fasste er in dem bitteren Slogan zusammen: „Willkommen im Föderalismus“. 1998 hatte Naumann sein Amt angetreten, es war das Jahr, in dem sich auch Deutschland mit der „Washingtoner Erklärung“ verpflichtet hatte, die Suche nach Raubkunst in den Museen voranzutreiben und mit den Erben eine „ gerechte und faire Lösung“ zu finden. Wie Naumann ausführte, stieß er bei den Museen auf nachhaltigen Widerstand. Den Brief, den er nach der Washingtoner Erklärung an jedes größere Haus in Deutschland schickte, beantwortete einzig Klaus-Dieter Lehmann, der damalige Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Lehmann wurde dafür, wie Koldehoff anfügte, von Museumsdirektoren heftig kritisiert.

          Die Fassungslosigkeit im Gesicht

          Die Fassungslosigkeit stand Naumann noch immer ins Gesicht geschrieben. Der Föderalismus hatte dafür gesorgt, dass der Kulturstaatsminister nichts gegen das Beharrungsvermögen ausrichten konnte, mit dem Museen an der  Raubkunst in ihren Depots festhalten.

          Wenn also die Museen nicht mit gutem Beispiel vorangehen, was kann man dann von Privatleuten erwarten? Rechtsanwalt Peter Raue berichtete von Fällen, in denen man sich privat gütlich geeinigt habe. Ein Interesse daran müssten auch die Besitzer von Raubkunst haben: Jedes seriöse Auktionshaus nähme ein Werk mit belasteter Provenienz nicht zur Versteigerung an. Er wird erst dann wieder verkäuflich, wenn die Erben ihre Zustimmung geben. 

          Ob eine Einigung auf privater Ebene die Lösung im Fall Gurlitt sein könne, bezweifelte Gezer: Cornelius Gurlitt reserviere Hotelzimmer per Post und mit Briefen, die er auf der Schreibmaschine getippt habe. Er sei kein Mensch, mit dem man einfach kommunizieren könne.

          In einer unerträglichen Situation

          Die Erben befinden sich damit derzeit in einer unerträglichen Situation: Auch bei Jauch konnten sie wieder die Reproduktionen von Bildern sehen, die ihnen einst gehörten. Das Prunkstück der Sammlung etwa, eine sitzende Frau von Henri Matisse, die bei Jauch auf mindestens 10 Millionen Euro geschätzt wurde, gehörte dem jüdischen Kunsthändler Paul Rosenberg. Nach dessen Bildern sucht seine Enkelin, Anne Sinclair, die französische Journalisten und frühere Ehefrau von Dominique Strauss-Kahn. In den Medien hat sie den Matisse aus dem Münchner Kunstfund tausendfach reproduziert gesehen – auf welchem Wege er zu ihr kommen könnte, ist immer noch unklar.

          Wie kompliziert und derzeit vor allem umstritten die rechtliche Lage sei, führte Rechtsanwalt Raue aus. Was allerdings vergleichsweise schnell rechtlich geregelt werden müsste, sagte Schoeps: Museen dürften Erben den Zutritt zu ihren Archiven nicht weiter verweigern.

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