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Turner-Preis für Tomma Abts : Die Seligsprechung der Tapete zur Kunst

Das hätte niemand erwartet: Die Gewinnerin der bedeutendsten Auszeichnung für Gegenwartskunst in Großbritannien ist die Deutsche Tomma Abts. Dabei sehen ihre Werke aus wie die Musterbestände einer aufgelösten DDR-Tapetenfabrik.

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          Rätselraten, Verlegenheit, Staunen bei der Bekanntgabe des diesjährigen Turner-Prize-Trägers. Die Gewinnerin der bedeutendsten Auszeichnung für Gegenwartskunst in Großbritannien ist: Tomma Abts. Von der deutschen Künstlerin, die seit zwölf Jahren in London lebt, hatte man hierzulande bisher so gut wie nichts gehört. Man weiß nur, daß sie 1967 in Kiel geboren wurde, in Berlin von der Galerie Giti Nourbakhsch vertreten wird und auf dem immer gleichen klassischen Porträtformat von 38 mal 48 Zentimetern malt. All ihre Bilder tragen abstruse Personennamen („Feye“, „Ehme“), zeigen jedoch keine Personen, sondern etwas, das aussieht wie die Musterbestände einer aufgelösten DDR-Tapetenfabrik.

          Niklas Maak
          (nma.), Feuilleton

          Daß die Jury des mit 25.000 Pfund dotierten Kunstpreises ausgerechnet diese mild abstrakte Malerei auszeichnete, ist erklärungsbedürftig - denn der Preis, der seit 1984 vergeben wird, stand wie kein anderer für eine Idee von Kunst als einer möglichst skandalösen, schockfreudigen Angelegenheit, die den Nerv der Gegenwart nicht nur treffen, sondern am besten gleich durchtrennen sollte. 1993 gewann Damien Hirst mit seiner durchgesägten Kuh in Formaldehyd, Chris Ofili beklebte eine Madonna mit Elefantendung, und wo nicht auf Blut, Schock und Katharsis gesetzt wurde, galt nur Kunst als preiswürdig, die Unterströmungen und Fühlweisen ihrer Gegenwart in neue Formen zu fassen wußte - weswegen der Fotograf Wolfgang Tilmans vor sechs Jahren als erster Deutscher den Preis erhielt. In dieser Logik hätte die Jury in diesem Jahr den ebenfalls nominierten jungen Künstler Phil Collins auszeichnen müssen, der sich in seinen Arbeiten unter anderem mit Menschen beschäftigt, deren Leben durch Nachmittagstalkshows ruiniert wurde. Aber die Jury des Turner Prize hat offenbar ihre Vorstellungen von Kunst geändert.

          Reichlich schwammige Hymnen

          Die Auszeichnung von Abts ist ein Indiz dafür, daß die Kunstwelt in zwei Hälften zerfällt: in eine, die an einem pathetischen, kritischen Kunstbegriff festhält und von „Kunst“ erwartet, daß sie neue Sichtweisen eröffnet, durch visuelle Schocks und Verführungen das Sehen und Denken nachhaltig ändert, vorsprachlich etwas aufscheinen läßt, was anders nicht formulierbar ist - und in eine, die zwischen Kunst, Design und Kunsthandwerk nicht mehr trennen mag und nur noch danach urteilt, ob etwas „formal gelungen“ sei, wobei die Kriterien für „Gelungenheit“ (alternativ auch „Hochgelungenheit“) in den Hymnen auf Tomma Abts reichlich schwammig bleiben.

          Tomma Abts : Deutsche Malerin gewinnt umstrittenen Turner-Preis

          Neu ist das, was Abts macht, eher nicht; schon Albers, Delaunay, Baumeister und Vasarely haben mit dynamischen und statischen Formen fast jede erdenkliche abstrakte Kombination durchgespielt, kurz danach hatten Gebrauchsdesigner die Erfindungen der abstrakten Kunst begeistert aufgegriffen, wie die Tapeten der sechziger und siebziger Jahre beweisen. Mit Tomma Abts geht die Rückkoppelung von Kunst und Alltag in die nächste Runde: Auf die Tapetenwerdung der Avantgarde folgt nun die Seligsprechung der Tapete zur Kunst. In den Musterbildern von Abts geht es nicht darum, Form, Farbe und Raum grundsätzlich neu auszuloten - das haben die Konstruktivisten schon ausgiebig getan -, sondern darum, wie man in einem Raum eine bestimmte Stimmung erzeugt. Abts' Bilder sind das, was in Bars Hintergrundmusik ist und bei Möbeln die Frage des richtigen Bezugsstoffes - wobei gegen gutes, dekoratives Design ja an sich gar nichts zu sagen wäre; es ist allemal nützlicher als schlechte Gesellschaftskritik.

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