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Turner-Ausstellung in Münster : Mit Seemannsgarn gefesselt

Joseph Mallord William Turner: Peace – Burial at Sea (1842) Bild: Tate, 2019

Die Turner-Ausstellung in Münster zeigt den Meister aller Winde und Wetter als Musterschüler der philosophischen Ästhetik. Über Bord geht dabei der Witz des Malers.

          5 Min.

          Ein Wiedersehen mit vielen beliebten Bildern von Joseph Mallord William Turner ermöglicht die Ausstellung im Landesmuseum in Münster, die zu großen Teilen mit Leihgaben aus der Tate bestückt ist. Dazu gehört ein 91 mal 122 Zentimeter großes Ölgemälde, das mit einem besonders ausführlichen Titel versehen war, als es der Maler 1842 in der Jahresausstellung der Royal Academy der Öffentlichkeit präsentierte. Das Sujet wird zunächst als Schneesturm bestimmt. Dargestellt, so wird näher erläutert, ist ein Dampfboot in der Nähe einer Hafenmündung, das in seichtem Wasser Signale sendet und durch Ermittlung der Tiefe des Wassers zu steuern versucht. Schließlich heißt es: „Der Autor war in diesem Sturm in der Nacht, in der die Ariel Harwich verließ.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Diese Technik der Beglaubigung ist aus der Redekunst vertraut: Der Berichterstatter versichert, dass er selbst gesehen hat, was er schildert. Die Übertragung in die Malerei kann man eine erzählerische Signatur nennen: Der Autor verbürgt nicht nur die Eigenhändigkeit, sondern auch die Eigenäugigkeit seines Werkes. In den Worten des Katalogs: „Turner erweckte mit diesem Zusatz den Eindruck, es handle sich um ein konkretes und dokumentiertes Ereignis. Dadurch verlieh er seinem Bild den dramatischeren Charakter der Authentizität.“ Als wäre das Bild als solches noch nicht dramatisch genug!

          Verliehene, um nicht zu sagen: geliehene Authentizität – wie echt ist sie? Es ist, informiert uns der Katalog, „nicht belegt, dass ein Schiff namens Ariel auf dem Weg von Harwich in ein Unwetter geriet“. Der Verdacht, der Autor habe geflunkert, wird artikuliert und zugleich heruntergespielt. Denn in den Registern des Hafens von Harwich hat die Turner-Forschung für die Jahre um 1840 überhaupt keine Ariel lokalisieren können, egal ob in gutem oder schlechtem Wetter.

          Eine windige Geschichte

          Übermäßig skeptisch wirkt da die Einschätzung des Katalogs, es sei „fraglich“, ob Turner Shakespeares Figur Ariel „im Sinn hatte“. Wie hätte er die Namensgleichheit nicht im Sinn haben können? Ariel tritt in einem Stück namens „Der Sturm“ auf und ist ein Luftgeist. Und ist nicht alles, was man auf dem Bild sieht, Luft oder Wirkung von Luft? Aber Turner, der Intellektuelle, der Leser der Dichter, der mit den klassischen Meistern der Malerei auch im Einmontieren gelehrter Programmelemente wetteiferte, spielt in Münster keine Rolle.

          Die „Realitätsnähe“, die der Titel mit dem Zeugnis des Autors behauptet, „unterstützt“ laut Katalog „die Legende, Turner habe sich über vier Stunden an den Mast eines Schiffes binden lassen, um die Intensität der ihn umgebenden Elemente am eigenen Leib erfahren zu können“. In Wirklichkeit liegen die Dinge umgekehrt. Die Legende schmückte die Bildbeischrift aus, und Turner selbst hat sie in die Welt gesetzt, in einer Äußerung gegenüber einem Geistlichen, die John Ruskin, Turners großer Advokat, im fünften Band seiner „Modern Painters“ überliefert. Demnach hat Turner sich auch über die Absicht des Bildes verbreitet: „Ich habe es nicht gemalt, damit es verstanden wird, sondern ich wollte zeigen, wie eine solche Szene ist.“

          Links müsst ihr steuern, hallt ein Schrei! Oder rechts? Turner hat die Desorientierung des Betrachters im Auge. Sein Gemälde „Snow Storm: Steam-Boat off a Harbour’s Mouth“ vererbte er der Nation.

          Er reagierte auf Kritiker, die in Besprechungen der Akademie-Ausstellung ihr Unverständnis bekundet hatten. Der Chronist des „Athenaeum“ gab an, er habe nicht herausfinden können, „wo das Dampfboot ist – wo der Hafen beginnt oder endet – was die Signale sind“. Statt die Möglichkeit einer Retourkutsche auf solche Frotzeleien zu erwägen, hebt der Katalog Turner in eine Sphäre, wo er nur mit seinesgleichen konkurriert: Auch von Claude Joseph Vernet, einem französischen Maler des achtzehnten Jahrhunderts, wird die Geschichte von der Fesselung an den Mast berichtet – dem Spezialisten für Seestücke ersetzte die Anekdote das Werbeplakat. Das Landesmuseum zeigt von Vernet einen „Schiffbruch im Gewittersturm“ aus München.

          Die Gipfelstürmer vom Piz Perdü

          Mit dem schaurig schönen Schauspiel illustriert die Ausstellung ihr Hauptthema, die Bildaufgaben, die sich aus einem Einfall der philosophischen Ästhetik ergaben, der Entdeckung des Reizes der Übermacht der Natur unter dem Namen der Erhabenheit. Es wird leider nicht dargelegt, welche Theoretiker des Erhabenen Turner zur Kenntnis nahm. Sahen die Maler sich herausgefordert, lebensgefährliche Augenzeugenschaft zu riskieren oder ersatzweise zu erdichten, obwohl die Genugtuung des Betrachters nach Auskunft der Philosophen das Wissen um den fiktiven Status der Bedrohung zur Voraussetzung hatte?

          Die Ausstellung deutet solche Rollenbildzwänge an, schreckt aber davor zurück, als These zur Diskussion zu stellen, was sie suggeriert. Erkennbar geht es ihr darum, Turners Reisen, zumal die Erkundung der Alpen, mit Pathos aufzuladen. Nüchtern betrachtet, besorgte sich Turner mit den Ansichten von Natursehenswürdigkeiten das Material für seine Berufsarbeit.

          Der Kontrast zu Vernet soll für sich sprechen. In Turners „Schneesturm“, behauptet der Katalog, „entstand tatsächlich die Illusion, als würde man durch die Augen des Künstlers blicken, der, angebunden an einen Mast, von den Elementen umschlossen wird“. Die Ausdrücke „Illusion“ und „tatsächlich“ sind hier genauso zweideutig wie im selben Absatz die Begriffe „Authentizität“ und „Realitätsnähe“. Selbst die empirische Ästhetik unserer Zeit wird nicht den Nachweis führen können, dass ein Mensch, der auf schwankendem Boden im Sturmregen vier Stunden lang fixiert wird, dasselbe sieht wie der Betrachter von Turners Gemälde.

          Seltsames Ferienerlebnis

          Diese Interpretation fesselt den Betrachter mit Seemannsgarn: Eine ins Auge stechende formale Eigenschaft des Bildaufbaus wird in den Stoff eines abenteuerlichen Erlebnisses übersetzt. Die Linien formieren sich zu einem gewaltigen Wirbel: Es ist unser Blick, der auf einen Punkt fixiert wird. Turner soll gesagt haben, er habe nicht erwartet, seiner Lage heil zu entkommen. Das war ein Bild für die Macht seines Bildes. In Münster rechnet man nicht damit, dass Turner, der es gewohnt war, im Sturm der Kritik zu stehen, sich mit dem Bildtitel und der nachgeschobenen Geschichte der Mutprobe einen Scherz erlaubt haben könnte. Er hatte den Hohn der Berufsbetrachter schon im Ohr: Können Sie den Quatsch verstehen? Und er antwortete: Sie sollen ihn gar nicht verstehen. Ein Kritiker hatte gespottet, das Bild zeige Seifenlauge und weiße Tünche.

          Der orientierungslose Kollege vom „Athenaeum“ hatte sich immerhin die Bemerkung verkniffen, man sehe nicht, wo oben und unten sei. Dieser Topos begleitete Turners Ausstellungen seit den späten zwanziger Jahren: Es sei nicht zu erkennen, ob ein Bild richtig herum hänge. Im Rückblick drängt sich der Eindruck auf, dass diese Bosheiten Merkmale von Turners Malweise trafen, die ihm den Ruhm eines Wegbereiters der Moderne eintrugen. Den vorletzten Saal widmet die Ausstellung den späten Gemälden, die scheinbar keinen Gegenstand mehr haben. Die Bedingungen von Turners Vermächtnis zugunsten der Nation sahen allerdings vor, dass nur die vollendeten Werke öffentlich gezeigt werden sollten. In der Ausstellung wird keine Scheidung vollendeter und unvollendeter Bilder vorgenommen. Das scheinbar evident proto-moderne Moment von Turners Stil wird dadurch übertrieben. Wie in Werner Haftmanns Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie 1972 vollendet sich Turners Werk in dieser Sicht in der Vorwegnahme der modernen Erhabenheit der Abstraktion.

          Schrecken stiftet Genuss: In dieser popularisierten, tourismuskompatiblen Fassung führt die Münsteraner Ausstellung die Lehre vom Erhabenen in ihrem Titel an, ohne den Gedanken in Zeugnissen des Künstlers nachzuweisen. Sie entdeckt ihn auch nicht hinter der Tatsache, dass Turners Unglücksschiff wie ein heiteres Feenwesen heißt und nicht etwa „Horror“ oder „Terror“. Die Verunsicherung, die man vor Turners letzten Bildern immer noch empfinden möchte, ist längst eine Garantie für Wohlbehagen. Doch Turner soll über seinen „Schneesturm“ gesagt haben: „Niemand hat ein Recht darauf, das Bild zu mögen.“

          Turner. Horror and Delight. Im LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster; bis zum 26. Januar 2020. Der Katalog kostet 27 Euro.

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