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Türkische Gegenwartskunst : Die Arterie der Zeitgenossen

In Istanbul hat ein Kunsthaus eröffnet, das türkischen Gegenwartskünstlern endlich den internationalen Rahmen gibt, der ihnen bisher fehlte. Die Auftaktausstellung „Starter“ ist eine Sensation.

          Mitten in Istanbul steht in diesen Tagen ein Panzer. Die Bewohner der Stadt reagieren belustigt auf ihn, vielleicht, weil Ungetüme wie er schon des Öfteren durch das Land und auch durch Istanbuls Straßen rollten. Der aber, der nun im Stadtteil Beyoglu steht, scheint ein friedliches Exemplar zu sein und ganz und gar nicht bereit für einen Verwüstungs-Feldzug: Er ist aus grasgrünem Plastik, was man jedoch erst aus der Nähe sieht, kein Spielzeug, sondern eine veritable Attrappe, hergestellt in China, um bei militärischen Übungen und Täuschungsmanövern an der Grenze zu dienen. In Istanbul hat man das Monstrum hinter eine Schaufensterscheibe verbannt.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Da steht es nun, bläht sich hydraulisch zu eindrucksvoller Größe auf, fällt wieder in sich zusammen, und das sieht so aus, als würde die Bestie gelangweilt seufzen. Über ihm an der Wand hängt ein digitales Nachrichtenband: „No news from . . .“ ist dort zu lesen und dann die Namen von 23 Städten auf der Welt, womit sich auch die Langeweile des Panzers erklärt, der natürlich trotzdem ein Symbol für Tod und Gewalt bleibt. Der Neonschriftzug „Die Freiheit ist um die Ecke“ erinnert lakonisch daran.

          Hauptschlagader für Zeitgenossen

          Es ist ein starker, spannungsvoller Auftritt, mit dem das neu eröffnete Kunsthaus „Arter“ seine Besucher begrüßt: Michael Sailstorfers Panzer „T 72“ von 2007, Henning Christiansens Neonschriftzug von 2008 und Jaroslaw Kozlowskis „Rhetorical Figures II“ aus dem Jahr 2006 sind die ersten Stationen der Auftaktausstellung, deren Gewicht vor allem auf politischen Aussagen liegt. „Arter“ bedeutet auf Türkisch Arterie, und eine Hauptschlagader, ein pulsierender Kraftspender und eine Durchgangsschleuse mit weiterführenden Verästelungen will das Kunsthaus der Vehbi Koç Foundation auch sein: vor allem für zeitgenössische türkische Künstler, aber auch für jene aus dem Balkan und dem östlichen Mittelmeerraum.

          Nur etwa ein Fünftel der insgesamt hundertsechzig gezeigten Arbeiten stammt aus dem Rest der Welt; darunter viele aus Deutschland, Frankreich und Nordeuropa. Über sie soll ein beständiger Dialog angeregt werden mit der internationalen Kunstszene, für den in der Türkei bisher ein institutionalisierter Rahmen fehlte. Einzig die Kunststiftung Platform Garanti und die Biennale Istanbul boten türkischen Kunstschaffenden in den vergangenen Jahren die Möglichkeit, sich innerhalb der internationalen Gegenwartskunst zu plazieren. Doch nicht nur in diesem Punkt will „Arter“ Abhilfe schaffen: Das Kunsthaus soll ein Ort sein, der mit wechselnden Ausstellungen Kunst sichtbar macht, ohne sie gleich zu kommerzialisieren. Denn auch dafür fehlen in Istanbul noch immer die geeigneten Orte; die Stadt zählt nur eine Handvoll Museen für moderne und zeitgenössische Kunst.

          Sophie Calle neben Nam June Paik

          Schon der Standort des nun dafür ausgewählten Hauses - ein vierstöckiges, elegantes Art-déco-Gebäude an der Istiklal Caddesi 211, erbaut im Jahr 1910 und aufwendig restauriert - ist richtungweisend. Kein anderer Stadtteil am Bosporus ist so international wie Beyoglu; nirgendwo sonst gibt es so viele Künstlervereinigungen und Galerien, bietet sich der Austausch quasi auf dem Silbertablett an. Man ist hungrig nach zeitgenössischer Kunst in Istanbul, das mit seinem biederen Programm für das Kulturhauptstadtjahr 2010 viele seiner Bewohner bitter enttäuscht hat.

          Schon jetzt kommen täglich Hunderte von Besuchern, um sich die Eröffnungsschau anzusehen - der Eintritt ist kostenlos, man möchte keine Einrichtung für die Elite sein. „Starter“ hat Kurator René Bloch diese erste Ausstellung genannt. Sie gibt einen eindrucksvollen Einblick in die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Vehbi Koç Foundation, die hinter „Arter“ steht. Die etwas beengten Raumverhältnisse lassen zwar nur die Präsentation von kleineren Stücken der Sammlung zu. Diese jedoch haben es in sich. Da sind Arbeiten von Sophie Calle, Nam June Paik oder Konrad Lueg. Und da sind Objekte von Künstlern, die einem noch nicht geläufig sind, die man nun aber sicherlich nicht mehr so schnell vergisst.

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