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Türkische Gegenwartskunst : Die Arterie der Zeitgenossen

Eigentor gegen das türkische Volk

In seinem Video „Foam“ fragt der im finnischen Exil lebende Iraker Adel Abidin nach der Wesensart der Fundamentalisten: Nach der Tradition, wie Friseurlehrlinge in Abidins Heimat ihr Handwerk lernen, bestreicht ein kleiner Junge einen schwarzen Luftballon fast zärtlich mit weißem Rasierschaum, so dass ein üppiger Vollbart entsteht, zieht dann mit einem Messer den Schaum vorsichtig von der empfindlichen Gummioberfläche ab. Beinahe ist es ihm gelungen, da knallt es, platzt der Luftballon und taucht den Friseurstuhl in blutrote Farbe. Ein neuer schwarzer Luftballon erscheint, ein anderer Junge macht sich ans Werk, wieder wird die Blase platzen, wieder ist der Stuhl am Ende blutrot und leer - es ist eine Endlosschleife aus messerscharfer vorsichtiger Annäherung und mutwilliger Selbstzerstörung. Anders kritisch mit ironischem Unterton sind die Arbeiten des kurdischen Künstlers Cengiz Tekin. Er stammt aus der Region Diyarbakir im Osten der Türkei, die immer wieder Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen der kurdischen Bevölkerung und dem türkischen Militär ist. Auf seiner Fotografie „Serbest Vurus / Free Kick“ hat er eine Familie - Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten - zu einer Abwehrkette vor einem Fußballtor aufgebaut. Ein Spieler im türkischen Nationaltrikot ist gerade dabei, einen harten Schuss darauf abzugeben - mit ihrer Politik im Osten des Landes schießt die Regierung immer wieder Eigentore gegen das eigene Volk. Im eigenen Land bleibt auch der Türke Fikret Atay mit seiner Videoinstallation „Teorisyenler/Theorists“ von 2008. Mit versteckter Kamera filmte er in einer Koranschule Schüler beim Auswendiglernen von Suren: Barfuß und murmelnd laufen sie schnellen Schrittes in einem kleinen Raum ohne Fenster auf und ab. Es sieht aus, als tanzten hier Marionetten.

Sammelleidenschaft eines Industriellen

Kunstförderung ist in der Türkei vor allem die Angelegenheit von reichen Industriellen. Viele folgen dem Beispiel der Unternehmerfamilie Vehbi Koç, die Ende der sechziger Jahre die erste Stiftung ihrer Art in der Türkei gründete und seitdem Krankenhäuser, Schulen, Universitäten und andere Bildungseinrichtungen unterhält. Im Jahr 1980 eröffnete sie mit dem Sadberk-Hanim-Museum das erste Privatmuseum der Türkei, benannt nach der Gattin des Firmengründers, das in einem alten, direkt am Bosporus gelegenem osmanischen Holzhaus deren wunderbare Sammlung osmanischer Festtagskleider, archäologischer Artefakte und islamischer Ornamentik ausstellt. Mehmet Ömer Koç, der Enkel des Unternehmers, setzt die Sammelleidenschaft seiner Familie auf dem Feld der Gegenwartskunst fort: Innerhalb von dreieinhalb Jahren wurde die Kollektion der Stiftung aufgebaut. Sie umfasst derzeit etwa vierhundert Werke von hundert Künstlern, wobei einer der Schwerpunkte auf der Fluxus-Kunst von Ben Vautier, Nam June Paik, George Macunias und Joseph Beuys liegt. Der Kurator René Block, früher Gefährte und Förderer dieser Kunst, hat den Bestand mit aufgebaut und Stücke seiner eigenen Sammlung mit einfließen lassen; man begegnet einigen von ihnen im obersten Stockwerk der Schau: dem „Albumblatt“ von Jack Higgins aus dem Jahr 1982 oder der Musik-Installation „Mozart Mix“ von John Cage aus dem Jahr 1991.

In Berlin unterhält die Vehbi Koç Foundation mit „Tanas“ einen kleinen Kunstraum-Satelliten, der ein Vorposten für Istanbul sein soll und ausschließlich türkische Künstler ausstellt. Irgendwann einmal, vielleicht sogar schon in einigen Jahren, möchte Mehmet Ömer Koç in Istanbul ein Museum eröffnen, das er sich wie das Getty Museum in Los Angeles vorstellt. Damit will er der kommenden Generation dienen.

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