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Hyperrealistische Skulpturen : Du lebst und tust etwas mit mir

Perfekte und versehrte Körper: Die Kunsthalle Tübingen untersucht verschiedene Formen hyperrealistischer Skulpturen - und zeigt gleichzeitig das Auf und Ab unseres Hangs zum hyperrealistischen Menschenbild.

          Ein Mann mit nacktem Oberkörper sprengt den Fußboden der Tübinger Kunsthalle. Offenbar hat er vom Kellergeschoss aus die Decke durchbrochen und stützt sich nun mit beiden Händen zu den Seiten ab, wobei sich die bläulichen Adern seiner Arme stark herausdrücken und der Blick des schräg nach oben gerichteten Kopfes eine Mischung aus ungläubigem Staunen und nur einem Quentchen Zuversicht verrät. Der welk-drahtige Körper des Graumelierten erzählt mit den vom Künstler Zharko Basheski bewusst eingesetzten Spuren allein schon Detektivgeschichten; die stark gebräunten Arme und der V-förmige Halsausschnitt im Vergleich zum käsigen Oberkörper etwa zeigen an, dass der Mann die letzten Tage oder Wochen ein T-Shirt getragen haben muss. Diverse kleine Wunden und Pusteln könnten auf Gefangenschaft schließen lassen, mit Ausgang in der Mittagssonne. Es ging ihm augenscheinlich nicht gut in letzter Zeit.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Durchbruch wäre damit zugleich ein Aus- und Aufbruch. Der aus den aufsplitternden Bodenfliesen aufsteigende Oberkörper des Mannes ist weit überlebensgroß, doch die Monumentalität hat bei dem mazedonischen Künstler nichts Übermächtiges oder gar Übermenschliches, im Gegenteil: Jede körperliche Versehrung wirkt dadurch umso stärker. Als ob durch ein unsichtbares Riesenbrennglas die Male seines Leidens und noch die winzigsten Details seines Körpers hervorgehoben wären.

          Stumme Geschichtenerzähler

          Dass sich angesichts einer derartig lebensnahen, aber schon durch ihren verschobenen Größenmaßstab als künstlich erkennbaren Figur nahezu automatisch Geschichten abrollen, erweist die unverändert zwingende Präsenz dieser artifiziellen Menschen-Doubletten. Dabei geht die Ausstellung „Almost Alive. Hyperrealistische Skulptur in der Kunst“ nicht in die Falle, eine ohnehin nicht zu erzielende Übersichtsschau zur Geschichte der künstlichen Menschenplastiken präsentieren zu wollen, wie sie etwa 2014 im Frankfurter Liebieghaus von der Antike über Mittelalter und Barock bis ins neunzehnte Jahrhundert gezeigt wurde.

          Nichts ist von kunstgeschichtlichen Vorläufern in Tübingen zu sehen – und doch in verdeckter Form schon: Die Kuratorin Nicole Fritz hat sich zusammen mit dem in der Stadt ansässigen Institut für Kulturaustausch sinnvoll auf die vergangenen fünfzig Jahre beschränkt: Vom Wiederbeginn „hyperrealistischer“ Plastik Anfang der Sechziger bis in unsere Tage.

          Dabei zeigt sich beim Querlesen der informativen Saal- und Katalogtexte schnell, dass es starke Fluktuationen dieser Annäherungen an perfekte Körpermimesis gab. Die Ausstellung betont somit zwischen den Zeilen eher Brüche in der Kontinuität und fragt nach möglichen Gründen für die Renaissancen und Flauten des Körper-Imitationismus. Dieses Aufwerfen neuer Fragen und eine ergebnisoffene Ursachensuche machen die Schau ungeheuer anregend. Das beginnt bereits mit dem titelgebenden Begriff „Hyperrealismus“. Er stammt wie die Mehrheit der ausgestellten Künstler aus Amerika – mithin das einzige Argument, die Ausstellung bei guten deutschen Entsprechungen englisch zu benennen.

          Duane Hanson und John DeAndrea sind hier die Pioniere, die mit entscheidenden Arbeiten vertreten sind. In die Hochphase der abstrakten Nachkriegsmalerei und des Minimalismus platzen die beiden ab 1961 mit ihren körpersatten, buchstäblich „figürlichen“ Menschenbildern hinein, eine Art Ausgleichsprozess. Hansons abgekämpfter und abgehalfterter „Cowboy mit Strohballen“ steht daher im ersten Saal mit leerem Blick an der Wand, hinter seinem ausgepowerten, auf einem Schemel hockenden „Bodybuilder“.

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