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Der Traum vom Fliegen : In der Luft warten die Monster

Den Vögeln abgeschaut: Goyas „Eine Art zu Fliegen“ sieht ziemlich anstrengend aus. Bild: Morat-Institut für Kunst und

Welches Grauen treffen wir im Himmel? Eine Ausstellung in Baden-Baden widmet sich dem Traum vom Fliegen im neunzehnten Jahrhundert – von Goyas Schreckensbildern bis zur Flugpionierin Melli Beese.

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          Höher und immer höher – der Flieger Joyce-Armstrong gibt sich nicht mit den Regionen zufrieden, die andere vor ihm erreicht haben, etwa jener Leutnant Myrtle, der aus elftausend Metern und seines Kopfes beraubt abstürzte – fünfzehntausend sollen es schon sein! Allerdings ist Joyce-Armstrong sich der Gefahr bewusst, in die er sich begibt und die nicht atmosphärisch oder technischer Natur ist, sondern organischer:

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          „Auch in den höheren Luftregionen gibt es Dschungel, und was dort haust, ist gefährlicher als ein Tiger“, notiert er, glücklich einer Begegnung mit jenen seltsamen, quallenartigen Wesen entkommen, die den Luftraum bevölkern. Dann steigt Joyce-Armstrong ein weiteres Mal auf, seither fehlt von ihm jede Spur. Nur Teile seiner Maschine stürzten auf die Erde, und mit ihnen das fragmentarische Notizbuch des Fliegers, darin ein letzter, offenbar in der Luft verfertigter Eintrag: „Über achtzehntausend Meter. Ich werde die Erde nicht mehr sehen. Sie sind unter mir: drei! Es ist ein schreckliches Ende.“

          So steht es in Arthur Conan-Doyles Erzählung „The Horror of the Heights“, erschienen 1913 im „Strand Magazin“, und man könnte den Text getrost als eine Synthese der beiden Schwerpunkte der Ausstellung „Die Welt von oben“ ansehen, die gerade im Museum LA8 in Baden-Baden zu sehen ist. Der eine besteht aus der rasanten Entwicklung, die das reale Fliegen um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert genommen hat, der andere aus den Vorstellungen, den Wunsch- und Alpträumen, die sich ans Fliegen knüpften, seit der Mensch tatsächlich mit der Montgolfière in die Luft aufgestiegen war und er zugleich erfuhr, was es bedeutete, als Ballonfahrer den Windverhältnissen ausgeliefert zu sein, ohne es den Vögeln gleich zu tun und frei die Richtung wählen zu können.

          Chronologisch macht die Schau Schluss in dem Moment, wo sich mit dem Zeppelin der Gedanke der regelmäßigen Passagierluftfahrt Bahn bricht. Und lange bevor wiederum das Fliegen, an das wir uns so selbstverständlich gewöhnt haben, begonnen hat, uns ein schlechtes Gewissen zu machen.

          Hier, in den beiden Ausstellungsetagen des Museums, sind diese Bereiche – Flugtraum und Realität – räumlich einigermaßen getrennt: Unten Zeugnisse der Maschinen, meist Fotos und Pläne, oben im wesentlichen die Phantasien – hat man beides gesehen, versteht man auch, welcher Weg vom einen zum anderen führt. Das beginnt hier mit einer ganzen Reihe von Radierungen, die Francisco de Goya zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts angefertigte und in denen es überraschend häufig um den Luftraum und seine Bewohner geht. „Eine Art zu Fliegen“, Blatt 13 aus dem Zyklus „Los Disparates“ (oder auch: „Proverbios“) heißt ein Blatt, das eine Reihe von Menschen zeigt, die sich Flügelkonstruktionen umgeschnallt haben und mit ihnen schlagen oder die durch die Luft gleiten; einem von ihnen sehen wir aus der Ferne ins angespannte Gesicht und es bedürfte nicht des völlig schwarzen Himmels, um die ständige Gefahr wahrzunehmen, die diesen Flug begleitet.

          Der Fotograf Richard Neuhauss hielt Otto Lilienthals Flug am 19. Oktober 1895 in Berlin-Lichterfelde fest.

          Dabei belässt Goya es nicht – „Alle werden fallen“ aus der Serie „Caprichos“ wendet dann die Idee des gefiederten, in sofern vogelgleichen Menschen ins Groteske. Zwei junge Frauen und ein monsterhaftes Wesen hocken um ein Feuer, vor sich einen gerupften Vogelmenschen, durch dessen Leib ein Pfahl geführt worden ist, sein Kopf ist der eines mittelalten Mannes, aus seinem Mund tropft es noch, sonst ist kein Zeichen von Gegenwehr zu erkennen. Und oben, auf einem Holzgestell im Wipfel eines kahlen Baumes, steht ein weiblicher Lockvogel, den dünn bekleideten Oberkörper vorgereckt, umschwärmt von geckenhaften Vogelmännern, deren drohendes Schicksal der Titel der Radierung benennt.

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