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Schering Kunstpreis 2018 : Transformation und Körper

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Glas war auch das Material, das es Daučíková erlaubte, abseits der staatlichen Kunstpolitik der Sowjetunion und der Tschechoslowakei zu arbeiten. Durch die materielle Beschaffenheit konnte sie sich mit Glas der Abstraktion zuwenden und neue künstlerische Ansätze ohne politische Zensur austesten. Daučíkovás Leitkonzept ist das des „mentalen Körpers“, welches sie seit ihrer Zeit in Moskau erforscht. Sie verbindet diese physisch-psychische Auseinandersetzung der geistigen Körperlichkeit mit dem Begriff des „Dazwischenseins“, welcher ihre eigene Transgender-Identität ausdrücken soll. Ihr Körper wird zum Objekt ihrer Kunst und zum Labor gendertheoretischer Debatten.

So präsentiert die Ausstellung erstmals ihr minimalistisches Schmuckdesign, das weibliche Geschlechtsteile und phallische Symbole imitiert. Sinnlichkeit ist für Daučíková der Antrieb ihres Schaffens. Das zeigt auch die fotografische Serie „Upbringing by Exercise“, die 1996 entstanden ist. Die großformatigen Schwarzweißaufnahmen zeigen einen Körper, der sich an eine Glaswand schmiegt. Die Bewegungen, die Muskulatur und die Frisur sind maskulin, aber an die Glaswand presst die Künstlerin ihre Brüste. Der Körper wird als Architektur inszeniert, als sich im Umbau befindliches Objekt. Das Anpressen an das Glas lässt eine neue Form entstehen, einen Körper im Werden.

Kunst als kämpferisches Manifest gegen Homophobie

Trotz der vielen Repressionen gegen Homosexuelle in der Sowjetunion hat es Daučíková geschafft, in Moskau ein großes Maß an Autonomie zu bewahren und an Kunst zu arbeiten, die mit den dort herrschenden Normen und Gesetzen brach. So fokussiert sie in einer ihrer Arbeiten das Sexualleben ihrer Nachbarn, welches sie minutiös und tagebuchartig aufzeichnete. Seit der Wende arbeitet Daučíková vornehmlich performativ und entwickelte Videoinstallationen oder Kurzfilme. Für die Ausstellung in den Kunstwerken gestaltete sie die Auftragsarbeit „Expedition for Four Hands and Accompaniment“, in der die Qualität ihres audiovisuellen Schaffens deutlich wird. In dem Video-Triptychon streift die Kamera durch eine Höhle, in der immer wieder sexuell konnotierte Skizzen kaukasischer Handzeichen auftauchen. Auf der linken Seite schneidet die Künstlerin Glas, während im dritten Kanal eine mit Nagellack lackierte männliche Hand Stoffe faltet.

Daučíkovás Werke sind vielschichtig, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verschwimmen, werden vage oder lösen sich auf. Neben der Videoinstallation hat sie Glasinstallationen und Publikationen positioniert, mit denen sie auf die schwierige Situation von Transgender aufmerksam macht – ein stiller Kommentar zur prekären Situation von Transsexuellen und ein Gedenken an die Ermordung des griechischen Menschenrechtsaktivisten und der Dragqueen Zak Kostopoulous im Jahr 2018. Das Einzelschicksal wird zur Kollektiverfahrung, so die Kuratorin Cathrin Mayer.

Ein letztes Werk, dass Hoffnung stiftet, ist „Family Album“ von 1989, das sie in Moskau schuf. Die fotografische Arbeit zeigt drei Wodka-Gläser, die vor einem Fenster plaziert sind. Die Gläser sind in jedem der Bilder verschieden angeordnet und abstrahieren dabei Familienkonstellationen. Angedeutet werden lesbische Paare, Alleinerziehende mit Kind oder Patchworkfamilien. Auch diese Fotografien zum Abschluss der Ausstellung bilden ein kämpferisches Manifest gegen Homophobie und eine kraftvolle Positionierung für die Gleichstellung von queer Lebensweisen.

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