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Comic-Ausstellung in Straßburg : Wenn Roboter puzzeln

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Der britische Cartoonist Tom Gauld ist bekannt für seine Beiträge im „New Yorker“ und dem „Guardian“. Nun hat er die Dauerausstellung des Historischen Museums in Straßburg neu interpretiert. Seine Kreaturen machen sich dort ganz hervorragend.

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          Tom Gauld ist ein witziger, kluger Mann, seine Comicstrips wimmeln von einfachen und komplexen Ideen, oft durchsetzt mit einer gehörigen Prise Understatement – wie es sich für einen Briten gehört. Daher ist es witzig und klug vom Historischen Museum der Stadt Straßburg, zu seinem zehnjährigen Bestehen Gauld die permanente Ausstellung des Museums zu überlassen: Er hat sie mit seinen eigenen Kreaturen durchsetzt, nämlich Robotern, die eine alternative Geschichte erzählen. Es finden sich da Roboter auf Stoffproben („Bergaster und Drohnenfliege“) oder auf Gedenktellern („Die Invasion der Marsianer 1894“). Frei erfundene Fakten, ja, aber keine Schummelei: Die betroffenen Vitrinen sind jeweils mit einem Sticker gekennzeichnet. Gaulds Erklärungstafeln sind zwar im Stil den anderen angepasst und zudem in denselben Sprachen (Französisch, Deutsch, Englisch) gehalten, das knallige Rosa macht sie aber unverkennbar.

          Gauld, 1976 in Aberdeen geboren, ist durch seine Strips für den „Guardian“ und den „New Yorker“ bekannt geworden. Mit Straßburg ist er über den Verlag 2024 verbunden, der mehrere Bände des britischen Zeichners, besonders den exzellenten „Kochen mit Kafka“, in Frankreich verlegt hat (die deutsche Übersetzung ist gerade bei der Edition Moderne erschienen). Man kann es nur bedauern, dass Museum und Verlag keinen Katalog anbieten; immerhin werden Farbdrucke in kleiner Auflage zum Kauf angeboten.

          Die Arbeiten des Comiczeichners Tom Gauld sind klug, witzig und voller Understatement: wie geschaffen fürs Museum.
          Die Arbeiten des Comiczeichners Tom Gauld sind klug, witzig und voller Understatement: wie geschaffen fürs Museum. : Bild: Picture-Alliance

          Die Ausstellung baut auf einem Vorläufer auf, der 2016 in Luzern gezeigt wurde. Sie wurde an die Straßburger Gegebenheiten angepasst und soll einen neuen Blick auf die Sammlung, ja auf die Geschichte allgemein bieten. Gaulds Beiträge sind nicht alle originell: Oft werden thematisch passende Comicstrips aus seinen Alben auf Kartons gedruckt in die Vitrinen gestellt. Andere Aspekte wiederum sind nicht museumsspezifisch, etwa der Roboter, der in einer Art Puzzle-Arbeit aus verschiedenen vorgefertigten Holzstücken zusammengesetzt werden kann. Die Beispiele sind Extreme: Der Puzzleroboter oder auch ein Roboterhelm zum Ausprobieren sind für Kinder das reinste Vergnügen; Bastelateliers betonen diese familienfreundliche Seite noch. Die ironischen Strips hingegen dürften intellektuelle Eltern ansprechen. Die Breite von Gaulds Spektrum – von der Spielfreude bis zur abstrakten Reflexion – wird hier konkret erfahrbar.

          Gaulds Humor ist wie geschaffen fürs Museum: Er ist klug und gelehrt und fügt sich nahtlos in den Kontext ein. Generell sind Gaulds Beiträge aber meist nicht auf Straßburg zugeschnitten. Dennoch verbindet ihn etwa die Freude an der Druckerkunst mit der Gutenbergstadt. Ein aufwendig mit Robotern auf Wanderschaft und im Gehäuse illustrierter Prachtband macht sich ganz hervorragend neben einer Terenz-Ausgabe aus dem frühen sechzehnten Jahrhundert.

          Auch zur lokalen Freude an der Tram kann er beitragen. Solche mimetische Annäherung ist kein Selbstzweck: Gauld bietet einen Blick, der das sowieso Gezeigte übersteigt und hinterfragt. Die Sonderstellung des Elsass zwischen Frankreich und Deutschland hingegen wird nicht reflektiert; in dem heiklen Teil, der die letzten 150 Jahre behandelt, ist fast kein Gauld-Beitrag zu finden. Das Elsass war in dieser Zeit zweimal deutsch, und die Einschätzung der Ereignisse ist ein politischer, kultureller und sprachlicher Eiertanz. Bedauerlich ist die Zurückhaltung Gaulds in diesem Teil des Hauses schon, denn er hätte Alternativen zeigen können, die Trauriges erträglicher gemacht hätten.

          Robots et autres accidents de Tom Gauld, une autre façon de voir l'histoire. Im Musée Historique de la ville de Strasbourg; bis zum 29. April.

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