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Tobias Rehberger in Frankfurt : Wo Kunst wie ein Kriegsschiff getarnt ist

  • -Aktualisiert am

Aus Skulpturen steigt Rauch, und die Kunstwerke verstecken sich: Heute eröffnet in der Frankfurter Schirn Kunsthalle die historische Schau des Künstlers Tobias Rehberger.

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          Erkenntnis macht am meisten Spaß und setzt sich fest, wenn sie überraschend eintrifft. Der Hauptraum in der Retrospektive von Tobias Rehberger „Home and Away and Outside“ in der Kunsthalle Schirn ist eine solche Überraschung. Er ist eine Abwandlung seiner preisgekrönten Installation „Was du liebst, bringt dich auch zum Weinen“ von 2009 auf der Biennale in Venedig. Damals hatte er ein Café in eine Skulptur verwandelt, das heute noch existiert. In Frankfurt ist es ein Kunstraum, den er zum Gesamtkunstwerk erklärt.

          In diesem Raum erleben wir die visuelle Wahrwerdung des Anti-White-Cube, also das Ende des Museums als weißer, begrenzter Raum, in dem die Besucher festen Leitlinien und Benimmregeln folgen, ein System, an dem sich schon viele Künstler die Zähne ausgebissen haben. Vor unserem Auge löst sich nichts auf, es ist gar nichts da außer oszillierenden, schwarzweißen Formen, die sich mal ornamental aneinanderfügen, dann ineinanderverkeilte Formen bilden. Ihre Umrisse bleiben schemenhaft, nur eine geballte Comicfaust schießt irgendwo aus dem computergenerierten Gewirr. Man fühlt sich, als wäre man mitten in dem Buch „Das magische Auge“ gelandet, ein Hit in den Neunzigern - man klappte das Buch auf, trug eine 3D-Brille und schaute auf undefinierbare Muster, aus denen sich nach einigen Minuten Gewöhnung Gegenstände und Bilder formten.

          Rehberger hat den Hauptraum der Ausstellung mit einer aus dem Ersten Weltkrieg für Schiffe eingesetzten Camouflage-Technik, dem „Dazzle Painting“, vollständig eingemantelt. Die Schiffe wurden so angemalt, dass man sie auf See nicht gut sehen konnte. Picasso begründete seinen Kubismus auf diesen zerrissenen Formen. Die Zersplitterung der visuellen Welt - sie führt bei Rehberger zu einem anderen Ziel als zu Zeiten Picassos, als Kunst ihre visuellen Ideen noch rein monomedial formulieren musste. Inzwischen ist ein Bild immer mehr als nur etwas Visuelles, es wird ein Konzept dahinter vermutet. Das betrifft nicht nur die Kunst: Ein angemaltes Schiff ist heute wohl kein gutes Versteck mehr, da die Fahndungstechniken doch längst ein Datenspiel geworden sind. Schutz vor Überwachung, aber auch die Gefahr der Überwachung - denken wir an Googles Kauf der Rauchmelder-Firma Nest, an die E-Mails versendenden Kühlschränke und an Fernseher, die per Wireless LAN Informationen über uns verschicken - oder einfach nur an Whatsapp auf dem Handy.

          Was verschwindet bei Rehberger? Was taucht bei ihm auf? Hinter dem Camouflage-Überzug zeigt sich eine klassisch-vertraute Ausstellungspräsentation: Das Auge erkennt Leinwände, die an der Wand hängen, davor Skulpturen, die mit den gleichen Formen bedruckt sind, dazu klassische Sockel und Bänke zur Kunstbeschau. Anfassen ist nicht erlaubt. Doch aus einer Skulptur qualmt es geruchlos. Spiegel erhöhen das Verwirrspiel. Schauen wir in die Computeranimation einer Ausstellungsplanung? Die Zutaten dafür sind alle vorhanden und in den Mustern auch voneinander abgegrenzt: Raum und Kunst. Doch die Formen der Kunst verstecken sich vor ihren Leinwandhintergründen.

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