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Tizian-Ausstellung in Rom : Schade um den Kerl

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Alt werden und zuschauen: Eine Jahrhundertausstellung in Rom feiert die Meisterschaft und Weisheit Tizians und führt ihren Besuchern den Werdegang des gefragtesten Künstlers seiner Zeit vor.

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          Als Tiziano Vecellio 1576 in Venedig während einer Pestepidemie, aber nicht an der Pest, hochbetagt starb, hatte er ein Leben lang Bilder gemalt, Tag für Tag, unermüdlich. Sein Werk, das den Bogen schlägt von der Renaissance zum Frühbarock und recht eigentlich alle Stile überwölbt, ist heute über die ganze Welt verstreut, doch dürfte es sehr lange dauern, bevor wieder solche Geniebilder in einer Ausstellung zusammenkommen wie jetzt in den Scuderie del Quirinale. Während in der Ewigen Stadt der Thron des Papstes ebenso verwaist ist wie der Sessel des Regierungschefs und zu den Leinwänden Tizians die Hymnen und Märsche des Militärkommandos nebenan im Palast des Staatspräsidenten herüberschallen, führt das darbende Gegenwarts-Italien der Welt seinen größten, seinen unvergänglichen Reichtum vor: die Kunst.

          Die Schau beginnt und endet mit Paukenschlägen. Gleich am Eingang überfällt das „Martyrium des Laurentius“ aus der venezianischen Jesuitenkirche die Betrachter. Bis vor kurzem stark abgedunkelt und schwer einsehbar in einer der weniger besuchten Kirche Venedigs, erweist sich die Riesenleinwand mit dem grausamen Brutzeln eines Unschuldigen jetzt, nach umfassender Reinigung, als eines der unfassbar grandiosesten Gemälde der ganzen Kunsthistorie. Der über siebzigjährige Maler schickt uns seine Weltanschauung zum Schauen: Gespenstisch agile Folterknechte tun mit Fackeln und Zangen, Seilen und Prügeln ihr grausames Werk, dieweil die geknechtete Kreatur - ob Heiliger oder Ketzer, es ist egal - vergeblich zum opaken Himmel schreit. In der Finsternis öffnet sich zwar ein winziges, von den Auftraggebern bezahltes Leck zum Himmel, aber die Grundstimmung dieser hoffnungslosen Nachtszene ist von einer virtuos misanthropischen Abgeklärtheit, als wolle uns Tizian hier seine Abrechnung mit der Menschheit präsentieren.

          Die Heiterkeit der Hochrenaissance

          Der Mann, der diese Vision mit einer unglaublichen Lockerheit der Lichtführung, mit wie skizzenhaft hingeworfenen Körpern und finster-changierenden Mitternachtsfarben schuf, blickt uns daneben tiefernst und hager über einem bleichen Bart entgegen. Dies ebenso nachtschwarze Selbstporträt aus dem Prado beleuchtet bewusst die höchst lebendigen Greisenaugen in einem müden Gesicht. Aber es sind keine zufriedenen Lebenslichter, sondern die wachen Blicke eines Mannes, der seinen Mitmenschen fast zu tief in die Seele geschaut hat. So blickt Wissen drein, aber keine Hoffnung.

          Die großartig komponierte Ausstellung mit Hauptwerken aus den ganz großen Museen führt uns den Werdegang dieser Augen vor. Da sind, rund sechzig Jahre vorher, die subtilen Farbmischungen, mit denen der junge Provinzler - geboren 1490 im venetischen Hochgebirge - frohgemut in die Fußstapfen von Bellini und Giorgione trat. Die ganze raffinierte, lebenszugewandte Heiterkeit der Hochrenaissance lacht uns aus den fülligen Kurtisanenkörpern, den rätselhaft dreinblickenden Patriziern, den Musikern in Samtgewändern, den erleuchteten Landschaften mit voralpinem Frühlingshauch entgegen. Was konnte dieser Jüngling malen! Seine Judith, ein vollendet samthäutiger Vamp, schaut dem Holofernes, den sie gerade geköpft hat, mit einem erotischen Blick in die toten Augen, als wolle diese Bibelheldin sagen: schade um den schönen Kerl. Alles am frühen Tizian ist diesseitig, gerade die christlichen Motive, bei denen die Stifterfiguren von den Heiligenfreunden bei Christus und den Seinen wie Essensgäste vorgestellt werden.

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