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Thomas Ruff in München : Die schönsten Reisen sind im Kopf

  • -Aktualisiert am

Von Mars bis Venus, von Weltallromantik bis zu verpixelter Pornographie: Das Münchner Haus der Kunst zeigt die Vielfalt von Thomas Ruffs Fotografien.

          3 Min.

          Thomas Ruff wollte ursprünglich Astronomie und Astrophysik studieren. Dass er sich für die Kunstakademie entschied, hat die Beschäftigung mit dem All keineswegs beendet. Seine Lieblingswebsite sei die der Nasa, sagt er jetzt im Pressegespräch anlässlich seiner Ausstellung im Münchner Haus der Kunst. Er gerät regelrecht ins Schwärmen, wenn er von den präzisen Satellitenaufnahmen der Marsoberfläche spricht, die die Nasa online zugänglich macht und die ihn zu „ma.r.s.“ inspiriert haben, seiner jüngsten Serie. Indem Ruff die senkrecht zur Oberfläche des Gestirns aufgenommenen Bilder zu Schrägansichten staucht, suggeriert er den Passagierblick aus dem Raumschifffenster auf fremdartig schönes, in zarten Nebeltönen koloriertes Planetenneuland.

          In dieser virtuellen Vorwegnahme einer Marsreise spielt Ruff auch mit der Illusion, lange vor leibhaftigen Fotografen im All unverbrauchte Motive ergattert zu haben. Oder ist das nur eine sternenromantische Projektion Ruffs auf ein stets nüchternes Konzept der Befragung von Bildgattungen und Herstellungstechniken?

          Tatsächlich kann man beim Durchstreifen der Ausstellung, die Gastkurator Thomas Weski mit siebzehn Werkgruppen als größte seit zehn Jahren konzipiert hat, den Eindruck gewinnen, Ruffs Kreativität schulde Gedankenausflügen ins Weltall die besten Ideen und richtungweisende Schubkraft. Denn seine manchmal gebremst wirkende Phantasie nimmt in der Tiefe des unendlichen Raums richtig Fahrt auf. So brachte die berühmte Serie „Sterne“ 1989 eine folgenreiche Veränderung: Der 1958 geborene Künstler legte den „großen Traum“ ad acta, alle seine Bilder selbst zu fotografieren, denn nur das gigantische, in der klaren Luft der Anden postierte Spezialteleskop eines Observatoriums vermochte mit zweistündigen Belichtungszeiten solch grandios funkelnden Firmamentansichten anzufertigen, wie er sie sich wünschte.

          Außergewöhnlichkeit als Markenzeichen

          Ruff erwarb ein Konvolut der zu Wissenschaftszwecken angelegten Negative und eignete sich das Material durch Ausschnitt- und Formatwahl künstlerisch an. Ebenfalls fremdproduziert, diesmal von der Raumsonde „Cassini“, gelangten von 2008 an Bilder vom Saturn und seinen dynamischen Ringen auf Ruffs Bildschirm, an dem er um ein Vielfaches vergrößerte Teilstücke mit kräftigen Kontrasten in klarlinige Farbfeldabstraktionen umwandelt. Die Münchner Schau beginnt mit dem Ausflug zum Mars, versetzt aber gleich im Nebenraum mit Nippes und Ornamenttapete zum ernüchternden irdischen Gegenpol kleinbürgerlicher „Interieurs“ - das Umfeld, in dem Ruff aufwuchs. Er dokumentierte es noch zu Studienzeiten bei Bernd und Hilla Becher in Düsseldorf, deren Serienprinzip und distanzierten Blick er, wie so viele Absolventen der „Becherschule“, übernahm. Der erste Erfolg gelang ihm etwas später mit den „Porträts“.

          Fotografiert nach dem Schema für Passbilder - frontal, gleichmäßig ausgeleuchtet, neutraler Hintergrund -, porträtierte er Freunde und Kommilitonen auf eine Weise, die im Kunstkontext so außergewöhnlich war, dass sie sofort zu Ruffs Markenzeichen wurde. Auf Monumentalgrößen von zwei Metern und mehr aufgeblasen, bezeugten sie in ihrer Blankheit, dass die Oberfläche eines Gesichts nichts über Persönlichkeit und Innenleben des Abgebildeten aussagt. Der eben noch ungebrochene Glaube des jungen Künstlers, Fotografie könne die Wirklichkeit eins zu eins abbilden, wich der Erkenntnis, dass Bild und Wirklichkeit verwechselt werden. Die „dumme Maschine“, wie Ruff die Kamera gern bezeichnet, kann eben nicht mehr als präzise aufzeichnen, was vor ihr steht.

          Mit sichtbarer Systematik

          Aus dieser vielleicht enttäuschenden Einsicht zog Ruff die Konsequenz, den medialen Möglichkeiten, anderen Formen unserer Realität, nachzuspüren: So zeigt er „Zeitungsfotos“ ohne erklärende Bildunterschrift, mit Restlichtverstärker wie im Krieg durchdrungene „Nächte“, „Stereofotografien“ für plastische Reiseerlebnisse, „andere Porträts“, die anmuten wie aus kriminalistischen Bildgenerierungsmaschinen, außerdem digital collagierte „Plakate“, alte Produktaufnahmen von „Maschinen“ oder seine „jpges“ genannten Bildallerleis aus dem Internet.

          Wacker systematisch beackert Ruff ein Gebiet nach dem anderen. Furore machte vor allem die 1999 begonnene Serie „Nudes“, Zuverlässig zieht das Nackte, hier in Gestalt grob verpixelter Pornobilder aus dem Internet, die Blicke an. Enerviert vom vordergründigen Sensationsgeheische der „Nudes“ verlässt man den damit gepflasterten Saal - und freut sich auf die Rückkehr zum „ma.r.s.“.

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