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Thomas Olbrichts Fotosammlung : Und dann wache ich schweißgebadet auf

Spieglein, Spieglein an der Wand: Cindy Shermans Selbstbefragung „Untitled Film Still #2“ von 1977. Bild: Cindy Sherman/Metro Pictures NY

Berlin zeigt momentan im privaten Museum „me Collectors Room“ die maßlose, manische Fotosammlung des Mediziners Thomas Olbricht. Manches ist verstörend, vieles betörend.

          Man muss oben beginnen. Im ersten Stock. Dort, wo in Vitrinen Figürchen liegen, denen man den Leib öffnen kann, um die Eingeweide zu sehen, und wo in einer Ecke der Zahn eines Narwals steht, als handle es sich um die Waffe eines Einhorns. Neben einem vier Meter langen Krokodil und einer Nixe ist Werkzeug eines Chirurgen ausgelegt. Dazu ein Prunkpokal, ein Sturzbecher, ein Stangenglas. Und dazwischen das Relief einer Kreuzabnahme aus Elfenbein. Dreihundert Objekte sind es insgesamt. Lauter Schätze, lauter Geheimnisse. Manches verstörend. Vieles betörend.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          In der ersten Etage seines privaten Museums „me Collectors Room Berlin“ hat sich der Sammler Thomas Olbricht mit Objekten aus der Zeit der Renaissance und des Barocks eine fürstliche Wunderkammer eingerichtet. Wer sie nicht besucht, wird seine Fotografiesammlung nicht verstehen, die momentan in den Sälen des Erdgeschosses ausgebreitet ist. Und wird schon gar nicht begreifen, was Olbricht antreibt in seiner Leidenschaft, die besser gleich als Sammelwut bezeichnet werden sollte. Es ist der ungebändigte Drang, sich in Erstaunen versetzen zu lassen. Hemmungslos ausgelebt bis an die Grenze des Anarchischen. Olbricht sammelt von Feuerwehrspielzeugautos und Jugendstilvasen über seltene Briefmarken bis zu moderner Skulptur und Videokunst alles, dem er nicht widerstehen kann. „Keinen roten Faden zu haben ist mein roter Faden“, sagt er mit einem scheuen Lächeln. Es klingt wie eine Entschuldigung. Und womöglich geht es ihm auch um den Stress und Nervenkitzel, den jeder Sammler vor dem Kauf teurer und sehr teurer Stücke verspürt und den Olbricht, der Professor für Medizin ist, detailliert anhand biochemischer Reaktionen im Körper erklärt. „Aber in der Nacht ist das weg“, sagt er noch. „Und dann wacht man schweißgebadet auf.“

          Das Flüstern der Personen, die zu sehen sind

          Mag sein, dass er nicht zuletzt deshalb mittwochabends zu einer therapeutischen Sitzung in seine Ausstellung einlädt. Da sollen die Besucher die Belastung des Tages aus den Armen schütteln und mit geschlossenen Augen tief ein- und ausatmen, um anschließend den Bildern zu lauschen – um Töne und Geräusche zu hören, vielleicht sogar das Flüstern der Personen, die darauf zu sehen sind. Dass Bilder dem Betrachter etwas zu sagen haben, wird jedenfalls selten deutlicher formuliert als in dieser Gruppensitzung.

          Für die Sammlung seiner Fotografien hat sich Thomas Olbricht auf kein Thema und keine Epoche konzentriert, sondern Bilder zusammengetragen, die ihn, wie er sagt, irritierten. Wieder nennt er seine Intuition als die eigentliche Beraterin. Er folge dem Herzen, sagt er, und meint das diesmal eher nicht medizinisch. Knapp tausend Arbeiten sind zusammengekommen.

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          Die Berliner Fotogaleristin Annette Kicken hat auf Einladung Olbrichts aus diesem Fundus etwa dreihundert Werke ausgesucht und damit die Ausstellung „The Moment is Eternity“ kuratiert. Die Bilder, die zum nicht unmaßgeblichen Teil ihrem eigenen Programm entstammen, hat sie zu wandfüllenden Tableaus montiert, und nun wird ein roter Faden erkennbar, auch wenn die eigentliche Leistung der Schau – wie auch die der Sammlung – darin besteht, Spannung durch Widersprüche zu schaffen, fast so, als debattierten die Bilder miteinander. Die Abkürzung „me“ im Namen des Hauses stehe für „moving energy“, hebt Olbricht hervor – sein Haus begreift er als Labor der Kunst.

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