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Thomas Mann und die Kunst : Die Liebe hinter dem gnadenlosen Röntgenblick

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Thomas Mann, als Schriftsteller und Musikliebhaber genial, war als Kunstkenner allenfalls bürgerlicher Durchschnitt. So lautet das gängige Urteil. Zwei Lübecker Museen beweisen nun das Gegenteil.

          In den meisten ernstzunehmenden Biographien wird der junge Thomas Mann als scheu beschrieben. Auf Gesellschaften, heißt es, habe er sich stumm und auffallend bleich im Hintergrund gehalten. Nur seine Augen hätten mit Röntgenblicken die Umgebung durchdrungen und jedes Gegenüber diskret, aber auch geradezu besessen fixiert. Trotzdem hat sich, nicht zuletzt durch Selbstschilderungen des Dichters, das Urteil durchgesetzt, Thomas Mann sei als Genie der Worte zwar ein leidenschaftlicher Liebhaber und profunder Kenner der Literatur und der klassischen Musik gewesen, jedoch kein Augenmensch. Infolgedessen habe er zeitlebens allenfalls ein beiläufiges und bildungsbürgerlich konservativ-eingeschränktes Verhältnis zu Malerei, Bildhauerei und Baukunst gepflegt.

          Im Lübecker Behnhaus straft seit dem vergangenen Wochenende ein Thomas Mann-Porträt von Max Oppenheimer diese Vorstellung Lügen: Mit den vibrierenden Farb- und Lichtbündeln des Expressionismus hat Oppenheimer ein Gesicht festgehalten, das fortwährend zwischen Spannung und Ruhe, Rage und Disziplin changiert. Das Flirren dieser Physiognomie kulminiert in den Augen, deren bohrenden Blick der Maler durch die Brechungen in den blitzenden Gläsern einer randlosen Brille noch intensiver, verwirrender, saugender gemacht hat. So schaut nur ein Augenmensch, und so lässt sich nur jemand malen, der die Malkunst als Erscheinungsform höherer Wahrheiten, als Magier von Illusion und Desillusion schätzt.

          Wer im Behnhaus vor Oppenheimers Gemälde steht, hat bereits mehrere Abteilungen der beeindruckend reichen Ausstellung durchschritten. Sie empfängt mit einer frappanten Gegenüberstellung: Im Entrée werden drei Bilder des berühmten, 1891 entstandenen Zyklus von Hans Thoma aus dem Musiksalon des Münchner Palais Pringsheim, dem Wohnsitz von Manns Schwiegereltern, sowie Ludwig von Hofmanns „Die Quelle“ (1913) präsentiert. Sie stehen für Schlüsselerlebnisse, die den jungen Thomas Mann der Kunst öffneten.

          Ein leicht orientalisches Gesicht

          Hier Hans Thomas musizierender Orpheus als Verführer, sein „Junger Ritter mit Harnisch“ als (Sitten-)Wächter und drei nackte Jünglinge als Allegorie Arkadiens, die Mann bei seinem ersten Besuch schon staunend bewunderte und verinnerlichte. Da Hofmanns Gemälde, von dessen fast schmerzhaft intensivem Blau sich die Körper dreier nackter Halbwüchsiger wie Opale abheben. „Ich habe mich auf den ersten Blick in Ihr Bild verliebt“, schreibt Mann dem Maler über das Gemälde, das ihn von 1914 an sein Leben lang begleiten wird. Auch ohne die Zeilen ist klar, dass Gemälde wie die „Quelle“ oder der „Orpheus“ nicht nur als Leitmotive in Manns Werk wiederauftauchen, sondern ihm auch zu idealen geheimen Selbstbildnissen wurden.

          In zwei Raumfolgen breitet nach diesem Auftakt die Ausstellung jene konträren Welten aus, die Manns Schaffen grundierten - links das nüchtern-strenge Lübeck, rechts das heitere, kunstbesessene München. In der Lübecker Abteilung fesseln Familienbilder. Ein biedermeierliches zeigt Manns Urgroßvater, in dessen verschmitzten und doch energischen Zügen man den greisen Konsul aus den „Buddenbrooks“ erkennt. Neben ihm das „Porträt Friederike Emilie Mann geb. Wunderlich auf dem Totenbett“ (1833), dessen bewegende Zartheit sich in den ergreifenden Zeilen wiederfindet, mit denen in den „Buddenbrooks“ die lebenslange, bittere Trauer des Senators um seine geliebte, jung verstorbene erste Frau geschildert wird.

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